Lernen für ein besseres Leben

Auf einer Wäscheleine hängen einige Blätter Papier. Auf dem ersten steht das Wort „bitte“. In Druckschrift. Auf dem zweiten „ich“. Dann folgen „möchte“, „eine“ und das Verb „kaufen“. Dazwischen hängt eine gelbe Hose. Weeda (24) lächelt, als es ihr gelungen ist, daraus einen gut verständlichen Satz zu bilden – und Christian Kretschmer sie dafür lobt. Kretschmer ist pensionierter Sonderschullehrer und unterrichtet für das Familienzentrum Billabong zwei Wochen lang Frauen aus den Asyl-Notunterkünften am Martinszehnten. Es ist ein Herzensprojekt, das ohne ehrenamtliches Engagement nicht funktionieren würde. Es ist ein kostenloser Sprachkurs inklusive Kinderbetreuung, Essen und Getränken, täglich von 9.30 bis 12.30 h.

Meist sind es 15 bis 20 Frauen und fast ebenso viele Kinder. Das U-Bahn-Ticket zum Riedberg-Zentrum, wo der Kurs stattfindet, zahlt das Bündnis „Frankfurt hilft“. In der ersten Herbstferien-Woche kamen mehrheitlich Frauen aus Syrien, in der zweiten Woche sind fast alle aus Afghanistan. Einige sind sehr scheu und zurückhaltend. Andere berichten auf Nachfrage, was sie mit ihren Kindern auf sich genommen haben, um hierher zu kommen. Sie waren wochenlang zu Fuß unterwegs, litten Hunger, Durst, unvorstellbare Angst und, dass man auch noch auf der Flucht auf sie schoss. Eine junge Frau hat auf der Flucht ihren Mann verloren und weiß nicht, ob er noch lebt.

„Mich berührt das unheimlich. Ich bin fix und fertig“, bekennt Anja Hohmann, die den Sprachkurs mitinitiert hat und begleitet. Die Verantwortlichen von Billabong und Lehrer Kretschmer betonen, dass die Frauen sehr wissbegierig sind. „Sie saugen alles auf wie Schwämme.“ Zwei Frauen sprechen sehr gut Englisch, die übrigen beherrschten bisher nur ihre Landessprache. Jetzt, am Ende des Kurses, beteuern sie: „Sehr viel gelernt.“ Oder sie üben gleich weiter den Gebrauch von Ja, Nein, Bitte und Danke und Sätze wie ‚Das ist teuer’ oder ,Das ist eine Hose`. Sie freuen sich sichtlich, wenn sie merken, dass auch andere Deutsche sie verstehen und mit ihnen ins Gespräch kommen wollen.

Es gibt auch die Momente, wo interkulturelle Verständigung gefragt ist. Wenn man in einem Sprachenmix darüber debattiert, dass man hier in Deutschland nicht Müll irgendwo fallen oder liegen lässt. Dass man Gratis-Angebote nicht gänzlich mitnimmt und auch nicht Getränke sofort austrinken muss, da es defintiv genug zu trinken gibt. Für alle.

Dann gibt Momente, wo ein Kind schreit – und ein anderes, meist größeres, ihm ganz schnell den Mund zuhält. Es wird erzählt, dass Kinder, die in den Booten bei der gefährlichen Überfahrt nach Europa schreien, ins Meer geworfen werden. „Dabei müssen sie doch schreien. Da muss viel raus“, meint Anja Hohmann. Ein Kind hat eineinhalb Stunden geschrien, hat sich dann aber doch irgendwann auf die Rutsche am Spielplatz gewagt und ist immer und immer wieder gerutscht. Auch die blaue Drehscheibe im Kätcheslachpark ist beliebt. Außen hängen sich die Kinder liebend gerne dran. Nur wenn sie auf der Scheibe sitzen, bekommen sie Panik. Eine Betreuerin vermutet, das sie das an die Fahrt mit dem Boot erinnert.

Eines der Kinder ist ein erst drei Monate altes Baby. Es ist auf der Flucht geboren. Das haben die ehrenamtlichen Betreuer natürlich auch mitgenommen und ihm die Flasche gegeben. Irgendwann ist es am Arm eingeschlafen. Während Mama lernte…

Das Familienzentrum Billabong bemüht sich jetzt darum, dass die Sprachkurse für Frauen an zwei Vormittagen pro Woche fortgesetzt werden können. Die Gespräche diesbezüglich laufen. In der Raumfrage bahnt sich eine Lösung an, die Finanzierung ist aber noch nicht gesichert.

(Fotos/ Text: cd)