Corona: Hilfe in psychischen Krisensituationen

Claudius Rees (52) leitet die Abteilung Psychiatrie im Frankfurter Gesundheitsamt kommissarisch. Im Interview erklärt er, welche Auswirkungen das Coronavirus auf die Arbeit seiner Kollegen hat und informiert darüber, an wen sich Menschen in psychischen Krisensituationen auch jetzt wenden können, um schnelle und unbürokratische Hilfe zu erhalten.

Herr Rees, die Coronapandemie hat das Leben besonders von Familien und Alleinstehenden quasi über Nacht auf den Kopf gestellt. Welche Auswirkungen hat dies auf die Arbeit der Kinder- und Jugendpsychiatrie und des Sozialpsychiatrischen Dienstes?

CLAUDIUS REES: Das Gesundheitsamt hat seit Ausbruch des Coronavirus keinen Publikumsverkehr und auch keine Sprechstunden. Die Kollegen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind seitdem vornehmlich beratend tätig, im Ausnahmefall auch außer Haus bei anderen Institutionen, und kümmern sich um schriftliche Anfragen. Die anderen Sachgebiete sind zum Teil in die pandemiebezogene Arbeit des Gesundheitsamtes eingebunden. Selbiges gilt für die Kollegen aus dem Bereich ,Gesundheit im Alter‘. Viele der klassischen Aufgaben im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen entfallen derzeit. Speziell diese Kollegen sind mit der Corona-Hotline und Pandemie-Informationssammlung betraut.

Und wie sieht es bei der Psychosozialen Notfallversorgung aus?

REES: Die Kollegen aus der Notfallversorgung arbeiten mehr als zuvor. Auch fallbezogen, etwa in der Corona-Hotline des Gesundheitsamtes oder in der Betreuung von Menschen, die sich in häuslicher Quarantäne befinden und unter damit einhergehender psychischer Belastung leiden. Auch die Kollegen aus dem Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) helfen neben ihrer regulären Arbeit hier aus. Vermehrt geht es gerade an dieser Stelle um Öffentlichkeitsarbeit. Der Sozialpsychiatrische Dienst muss derzeit ebenfalls auf Sprechstunden und Publikumsverkehr verzichten, aber die Not der Menschen besteht ja weiterhin. Derzeit läuft daher viel über Telefon (auch das Service-Telefon), E-Mail und vermehrte Hausbesuche, um die Menschen auch sehen zu können.

Viele Patienten scheuen sich derzeit, einen Arzt aufzusuchen. Trifft dies auch auf die psychiatrischen Angebote der Stadt Frankfurt zu?

REES: Wir haben eher das Problem, dass viele Behörden, Institutionen, sowie soziotherapeutische und psychiatrische Einrichtungen und Therapeuten keine Termine mehr vergeben und entsprechende Therapien unterbrochen wurden oder nur noch eingeschränkt stattfinden. Nicht jeder Betroffene kann sein Therapieangebot per Telefon oder Videochat fortführen. Erschwerend kommt hinzu: Je schwerer jemand erkrankt ist, desto dringender bräuchte er Hilfe, schafft es aber umso seltener, sich diese Hilfe zu holen.

Wie gewährleisten Sie und Ihre Kollegen, dass hilfsbedürftige Menschen nicht in häusliche und soziale Isolation abgleiten?

REES: An uns kann sich jeder wenden. Am häufigsten werden wir von Familienangehörigen oder Freunden von Betroffenen kontaktiert. In manchen Fällen melden sich auch die Betroffenen selbst bei uns. Als nächstes kommen Nachbarn, Polizei, Gerichte oder dergleichen. Ist dies geschehen, versuchen wir, unsererseits Kontakt mit den Betroffenen aufzunehmen, in der Regel zunächst auf postalischem Weg. Oft handelt es sich aber um Menschen in schweren Krisen, denen es schon schwerfällt, auf Post zu reagieren. Der Anteil an Menschen, die nicht reagieren, ist daher recht hoch. In solchen Fällen müssen wir je nach Einzelfall entscheiden, ob wir uns als nächstes an die wenden, die uns beispielsweise als Angehörige informiert haben. In dringenden Fällen mit erheblichem Gefährdungspotenzial kommen wir, wenn es sein muss, noch am selben Tag vorbei. In aller Regel stellen wir einen Erstkontakt her und sind darüber hinaus oft vermittelnd tätig. Je nachdem, was der Betroffene auch zulässt, bieten wir auch häufigere Kontakte an.

Worauf müssen Ihre Kollegen achten, wenn Sie im Notfall ausrücken?

REES: Hausbesuche sind für unsere Arbeit ein ganz wichtiges Element. Inzwischen machen wir bis zu doppelt so viele Hausbesuche als zuvor. Beim Sozialpsychiatrischen Dienst arbeiten Sozialarbeiter und Psychiater. Aus Sicherheitsgründen schauen wir stets zu zweit vorbei, da man ja nie weiß, was einen vor Ort erwartet. Auch während der Coronakrise müssen wir an dieser Stelle abwägen, was geht und was nicht, um unsere Aufgaben zu erfüllen. Das heißt, wir klingeln beispielsweise bei einem Menschen, der an einer Schizophrenie leidet und sich aufgrund irrationaler Ängste nicht mehr aus der Wohnung traut. Wenn wir dort mit Schutzanzug und Nasen/Mund-Schutz stehen, fühlt sich der Mensch in seinen Wahnideen bestätigt und glaubt womöglich, dass wir ihn gewaltsam aus seinem gewohnten Umfeld reißen. Uns geht es aber zunächst um Kontakt- und Vertrauensaufbau. Auch ist für uns wichtig, die Situation professionell einschätzen zu können. Dafür nehmen unsere Mitarbeiter bewusst das Risiko in Kauf, gegebenenfalls ungeschützt mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Wenn wir jetzt jemanden zuhause besuchen würden, der alt oder asthmakrank wäre, würden wir zu dessen Schutz den Nasen/Mund-Schutz anziehen.

Welche Menschen sind Ihrer Ansicht nach in der derzeitigen Situation besonders gefährdet, seelischen Schaden zu nehmen?

REES: Vor allem Menschen mit wenigen Sozialkontakten, ängstlich-unsichere Personen, sowie Personen, die bereits an einer Psychose leiden oder eine depressive Vorgeschichte haben. Allein schon die derzeitige, alle anderen Themen überdeckende Medienpräsenz des Themas Corona verstärkt die Wahrnehmung der Krise bei vielen und führt bei einigen Menschen zu massiven Ängsten. Als Psychiater, der sich mehr mit den psychischen Folgen der Pandemie (und der öffentlichen Pandemiemaßnahmen) beschäftigt, finde ich das bedenklich. Darin sehe ich ein großes gesellschaftliches Problem: Wie seinerzeit bei der sogenannten Flüchtlingskrise, wo die geballte mediale Berichterstattung zu großer Ablehnung von Flüchtlingen und zum Erstarken einer weit rechts stehenden Partei führte, zeichnet sich derzeit ein ähnliches Bild ab. Ich sehe auch überwiegend nicht eine Zunahme von Solidarität und Rücksichtnahme, sondern stattdessen, dass viele Menschen derzeit eher ängstlich und misstrauisch gegenüber Mitmenschen und sozialen Kontakten werden. Das kann – auch langfristig – negative Folgen für den einzelnen Menschen, aber auch die Gesellschaft haben.

Was raten Sie Menschen, die einen zunehmenden emotionalen Druck verspüren, sich bisher aber noch nicht in psychiatrischer Betreuung befunden haben und nicht wissen, was sie unternehmen können?

REES: So jemand kann bei uns anrufen. Zuerst müssen wir herausfinden, ob die Betroffenen ,nur‘ an berechtigen Sorgen oder Ängsten leiden, oder ob nicht etwa schon eine zu therapierende Störung heranwächst. Manchmal kann schon ein Gespräch hier helfen. Aber: Auch aus einer subjektiv verstehbaren Krise, kann etwas Schlimmeres, bis hin zu einer akuten Suizidalität, entstehen. Ich rate daher jedem, dem unsere Erstberatung nicht genügen sollte, sich bei Dringlichkeit in eine psychiatrische Ambulanz zu begeben, wenn man etwa auf einen Platz für eine Psychotherapie bis zu mehreren Monaten warten muss. Genauso wie psychische Erkrankungen immer noch stigmatisiert sind, haben auch Psychiater und psychiatrische Kliniken leider – zu Unrecht – einen schlechten Ruf. Auch reale Sorgen, etwa Beziehungsverluste, Einsamkeit, oder (auch jetzt infolge von Pandemiemaßnahmen) die Angst vor Jobverlust, einer Pleite oder dergleichen kann folgenschwer sein. Solche Probleme lassen sich nicht wegdiskutieren. Aber man kann lernen, damit besser umzugehen.

Bei vielen Mitarbeitern im Gesundheitsamt ist der Arbeitsdruck momentan riesig. Was raten Sie Kollegen, die merken, dass sie langsam erschöpft sind?

REES: Wichtig ist, sich mit dem Partner zu arrangieren und klare Absprachen zu treffen, wenn dies möglich ist. Hilfreich ist es, dass man seine Arbeit gerne macht. Gerade jetzt gilt: In den kurzen Zeiten der Entspannung sollte für Ausgleichsmöglichkeiten gesorgt sein. Manchen hilft Zeit mit der Familie, anderen Sport, ein Spaziergang, einfach mal Fernsehen oder ein Hobby. Man muss sich gerade in diesen Tagen Freiräume schaffen und Zeit für das reservieren, was Freude bereitet.

Hilfe auch in Corona-Zeiten: Informationen zum Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes

Text: Stadt Frankfurt

Fotos: Gesundheitsamt Frankfurt am Main

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