Baustopp am Urselbach: Gift-Fund stoppt Renaturierung im Mertonviertel

Symbolbild Kontaminierter Boden am Urselbach

Symbolbild

Kontaminierte Erde und fehlende Deponiekapazitäten verzögern ökologische Ausgleichsmaßnahmen am Eschersheimer Wehr.

Mertonviertel

Die ambitionierten Renaturierungsmaßnahmen am Urselbach im Mertonviertel sind unerwartet zum Stillstand gekommen. Bei Ausgrabungsarbeiten im Bereich der Sandelmühle und am Oberwasser des Eschersheimer Wehrs stießen Arbeiter auf erheblich kontaminierten Boden. Da die belastete Erde aufgrund akuten Deponiemangels nicht abgetragen werden kann, ruhen die Arbeiten vorerst komplett. Dies sorgt für erhebliche Unruhe im Ortsbeirat 8, der nun eine rasche Aufklärung fordert.

Das Ausmaß der Kontamination

Konkret betrifft der Fund eine Tieferlegung des Urselbach-Bachbetts auf einer Länge von rund 400 Metern sowie die Schaffung einer neuen Verbindung zwischen der Nidda und dem Urselbach. Nach Angaben von Christine Holch, Fraktionsmitglied der Grünen im Ortsbeirat 8, sind die Arbeiter bei den Ausgrabungen auf giftige Schichten gestoßen. Besonders brisant: Auf dem Gelände des ehemaligen Campingplatzes wurde eine Verseuchung mit Bromabfall festgestellt, die bis in eine Tiefe von 30 Zentimetern reicht.

Gesundheitsgefahren durch offene Lagerung

Neben der Verzögerung des Projekts wirft die aktuelle Situation akute Sicherheitsfragen auf. Die Fraktionsmitglieder des Ortsbeirats äußerten sich besorgt über den Zustand der Baustelle. Die kontaminierte Erde liegt derzeit völlig ungeschützt auf dem Gelände – sie ist weder abdeckungstechnisch gesichert noch in Schutztüten verpackt. Angesichts der anhaltend trockenen Witterung besteht die Gefahr, dass giftiger Staub weit über das Areal verweht wird. Dies stellt eine ernsthafte gesundheitliche Gefährdung für Anwohner und Passanten dar, da das Niddaufer rund um die Urselbachmündung als Naherholungsgebiet sehr beliebt ist.

Politischer Druck im Ortsbeirat

Der Ortsbeirat 8 (Heddernheim, Niederursel, Nordweststadt) reagierte prompt. Die Fraktionen von Grünen und SPD brachten separate Dringlichkeitsanträge ein, die im Gremium zu einem gemeinsamen interfraktionellen Antrag zusammengefasst und einstimmig verabschiedet wurden. Die Lokalpolitik fordert von der Stadt Frankfurt eine zügige Aufklärung über die genauen Fundorte, unverzügliche Schutzmaßnahmen gegen Staubaufwirbelungen sowie einen verlässlichen Zeitplan für den Fortgang der Arbeiten.

Hintergrund: Historische Altlasten an der Sandelmühle

Für Kenner der Region kommt der Gift-Fund nicht völlig überraschend. Das Areal an der Sandelmühle blickt auf eine jahrzehntelange industrielle Nutzung zurück. Neben dem ehemaligen städtischen Gaswerk Heddernheim betrieb hier auch die VDO Adolf Schindling AG (später Continental AG) Produktionsstätten. Obwohl bis zum Jahr 2013 umfangreiche Altlastensanierungen stattfanden und die Stadt im Jahr 2024 eine akute Gefährdung des Grundwassers weitgehend ausschloss, warnte der Magistrat bereits damals, dass schadstoffhaltige Reste künstlicher Auffüllungen im Boden verblieben sein könnten. Bereits 2021 hatte der Ortsbeirat aufgrund von Berichten über einen im Jahr 2013 ausgelaufenen Großtank sowie Spuren einer Phosphorbombe zusätzliche Bodenproben gefordert.

Systemisches Problem: Der hessische Deponienotstand

Dass die Arbeiten nun komplett ruhen müssen, deckt ein tiefgreifendes infrastrukturelles Problem in Hessen auf: den akuten Mangel an Deponiekapazitäten. Hessen leidet seit Jahren unter einer drastischen Verknappung von Deponieraum für mineralische Abfälle. Während die Entsorgungskosten im Bereich der Erdarbeiten in den vergangenen Jahren massiv gestiegen sind, hat sich die Lage im Jahr 2026 zu einem echten Notstand zugespitzt. Belasteter Erdaushub kann regional kaum noch ordnungsgemäß untergebracht werden, was kritische Infrastruktur- und Naturschutzprojekte massiv ausbremst.

Bedeutung für die lokale Infrastruktur

Die Verzögerung am Urselbach betrifft ein wichtiges ökologisches Großprojekt. Die Renaturierung wird von der Deutschen Bahn als gesetzliche Ausgleichsmaßnahme für den viergleisigen Ausbau der Bahnstrecke von Frankfurt nach Bad Vilbel durchgeführt. Sie ist eng mit dem Umbau des Eschersheimer Wehrs verknüpft, das seit Anfang 2025 für rund 5 Millionen Euro ökologisch aufgewertet wird. Hier entstehen ein naturnaher Umfluter zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit für Fische sowie verbesserte Hochwasserschutzanlagen. Eigentlich sollten die Arbeiten Ende 2026 abgeschlossen sein – ob dieser Zeitplan durch den jetzigen Baustopp zu halten ist, bleibt ungewiss.

Teile diesen Beitrag mit Freunden