Selbsthilfegruppe
am Riedberg – die
positive Bilanz

Eberhard W. (64) ist seit 2008 mit Leib und Seele in der Freiwilligen Suchtkrankenhilfe e.V. engagiert und seit 2011 im Vorstand. Ende September 2015 hat der ehemalige Bankdirektor maßgeblich daran mitgewirkt, dass Frankfurts neuer Stadtteil Riedberg erster Standort für eine suchtbezogene Selbsthilfegruppe in Frankfurt wird. „Die Anfänge liefen zäh, aber das kam nicht unerwartet“, erinnert sich der Gruppenleiter. Mittlerweile hat sich eine kleine Gruppe von durchschnittlich sechs Personen zusammengefunden, „seit vier/fünf Monaten läuft es gut“, so Eberhard W. „Ganz klasse“ findet er die Räume, die bei Casa Reha in der Altenhöferallee zur Verfügung gestellt werden. Vor allem stimmt die Infrastruktur, ein sehr guter Anschluss an die öffentlichen Verkehrsmittel. Denn viele Teilnehmer haben keinen Führerschein.

Die Gruppe trifft sich jeweils mittwochs abends. „In Spitzenzeiten waren wir schon zehn Personen in der Gruppe“, so der Gruppenleiter, „aber eine Gruppe mit acht Mitgliedern ist optimal, um erfolgreich zu arbeiten, nicht zu klein und nicht zu groß.“ Die vollkommene Anonymität ist gewährleistet, meist kennt man nur den Vornamen der Gruppenteilnehmer. „Nur das gibt die Sicherheit“, weiß Eberhard W., „dass sich die Einzelnen in der Gruppe öffnen, Vertrauen fassen und sprechen.“ Viele der Betroffenen kommen aus den Suchtstationen des Markuskrankenhauses bzw. des Bürgerhospitals, mit denen die Suchthilfe sehr gut zusammenarbeitet. Die Teilnehmer stammen aus den Stadtteilen Kalbach, Bonames, Heddernheim und dem Mertonviertel.

Die Treffen finden JEDEN Mittwoch statt, auch während der Ferien und an Feiertagen. Auch das gibt Sicherheit. Bei den Treffen wird ein bestimmtes Thema durchgesprochen. Das muss nicht unmittelbar mit Sucht oder Alkohol zu tun haben. Wichtig ist, dass jeder sich dazu äußern kann, der es möchte. „Daher ist es gut, wenn wir eine überschaubare Gruppengröße haben, dann kommt jeder zu Wort. Bei größeren Gruppen entstehen sonst größere Hemmungen bei dem Einzelnen.“


Eberhard W. leitet ehrenamtlich die Selbsthilfegruppe am Riedberg. Er ist speziell dafür ausgebildet – und kennt die Nöte und Probleme der Suchtkranken

„Mittlerweile“, so der ehemalige Banker, „müssen wir uns vermehrt bei jüngeren Teilnehmern, auf Cannabis-Konsum als Zusatzkonsum zu Alkohol einstellen.“ In diesem Zusammenhang spielt der Altersdurchschnitt im jungen Stadtteil Riedberg eine Rolle. Die Ansiedlung des Uni-Campus bringt viele junge Menschen in die Studentenwohnheime und in den Stadtteil.

Aufputschmittel, um leistungsfähig zu bleiben

In diesem Zusammenhang ist wichtig zu erwähnen, dass das Alter im Umgang mit Süchten und Missbrauch von Genussmitteln eine nicht unerhebliche Rolle spielt. „Oft ist es so“, laut Eberhard W., „dass jüngere Menschen noch nicht bemerken, dass sie täglich einen erhöhten Alkoholkonsum haben. Das kann durchaus in den familiären Gegebenheiten begründet sein, wie dort mit Alkoholgenuss umgegangen wird, kann aber auch multifaktorielle Ursachen haben. Meist realisieren die Betroffenen erst ab dem 40. Lebensjahr, dass sie Alkohol täglich brauchen zur Entspannung, Beruhigung, Betäubung. Nicht selten sind es mittlerweile die beruflich voll eingespannten Führungskräfte, die zusätzlich Aufputschmittel einwerfen, um leistungsfähig zu bleiben.“

Vermutlich ist das ein Grund, warum sich zurzeit noch kein Riedberger in der anonymen Gruppe eingefunden hat. Der Altersdurchschnitt der meist jungen und gut verdienenden Familien liegt meist noch unter 40 Jahren. Aus eigener Erfahrung weiß der ehemalige Banker und trockene Alkoholiker, dass manche Berufe unweigerlich die Gefahr bergen, Menschen in den Alkoholabusus zu treiben. Dabei treffen Stress, lange Arbeitszeiten und hohe berufliche Anforderungen aufeinander. Eventuell verbunden mit sozialen oder auch genetischen Vorgaben, wie wurde/wird in der Familie mit Alkohol umgegangen. Daraus ergibt sich laut Eberhard W. eine Mehrzahl an Gründen, die zum Missbrauch führen. Vor allem sollten sich die Betroffenen folgende Fragen stellen: Aus welchem Grund habe ich Alkohol getrunken? Oft ist nicht die Menge an Alkohol entscheidend, die am Tag getrunken wird, sondern das Ritual, das dahinter steht.

Nicht selten spielt es eine Rolle, dass der Alkohol immer zur Verfügung steht. Er kann dem Körper bereits morgens zugeführt werden und daraus entwickelt sich ein Ritual, eine Gewöhnung an frühe Tageszeiten. Ein Abend mit einem gemütlichen Sessel und einem guten Cognac bei schöner Musik kann als Ritual sehr angenehm empfunden werden und im Endeffekt zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Abends werden und damit in eine Abhängigkeit führen.

Fazit: Der Sinn einer Selbsthilfegruppe liegt darin, dass sich Gleichgesinnte austauschen. Die Gruppe bietet keine Therapie an, das ist nicht deren Zielrichtung, sondern sie begleitet die Menschen nach der Therapie in ein „normales Leben“. Sie hilft, das Leben zu meistern, ohne Alkohol. Besonders gefährdet ist man an Tagen wie Weihnachten, an denen drei, vier Tage nicht gearbeitet wird, die Familie feiert und dabei wird häufig viel Alkohol getrunken. Das ist eine Herausforderung für einen nassen Alkoholiker, der dann seinem Verlangen widerstehen muss, daher bietet die FSH gerade auch an diesen Tagen immer eine Gruppe an.

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Informationen zur Selbsthilfegruppe

Die Freiwillige Suchtkrankenhilfe ist ein gemeinnütziger Verein. Er besteht seit 40 Jahren und bietet Selbsthilfegruppen im Rhein-Maingebiet an für Alkohol- und Medikamentenabhängige sowie sonstige für stoffgebundene und –ungebundene Suchterkrankungen. Die Gruppenleiter sind dazu speziell ausgebildet und ehrenamtlich tätig. Standort der Frankfurter Suchthilfegruppe ist der Riedberg

Treffen: jeden Mittwoch von 19.30 bis 21.30 Uhr

Ort: Casa-Reha-Heim „Bettinahof“, Altenhöferallee 74 – 78

Weitere Informationen unter www.f-s-h.de oder über Telefon: 01805/ 222118

Text: Klaus Emmerling
Foto: Mk Photo