Hab keine Angst

Auf ihrer Visitenkarte steht: Dr. med. Zahide Özkan-Rashed, Ärztin für Kardiologie und Innere Medizin. Auf dem Buch, das sie mitgebracht hat und aus dem sie am Mittwoch im Familienzentrum Billabong vorlesen wird, steht der Halbsatz: „Hab keine Angst“. Die 53-Jährige hat es selbst verfasst, basierend auf Tagebuch-Aufzeichnungen und Erinnerungen. Es ist die Geschichte eines Mädchens, dem sie den Namen Feride gab. Es kommt im Alter von zwei Jahren aus einem kleinen, türkischen Dorf am Marmarameer nach Deutschland, in eine Stadt im Rhein-Main-Gebiet. Die Eltern arbeiten hart, um den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie wohnen zu fünft in einer Zweizimmer-Wohnung. Der Papa wurde als „Gastarbeiter“ angeworben. Die Mama hat nie eine Schule besucht, legt aber großen Wert darauf, dass sich die Kinder anstrengen. So gut sie nur können. Feride lernt und muss lernen, mehr als andere, und hat bald einen großen Traum: Sie will Ärztin werden!

Zahide Özkan-Rashed, die Autorin des Buches, wohnt hier am Riedberg. Sie hat in einer Radiosendung über ihr autobiografisches Debütwerk gesprochen, wurde in Zeitschriften und Online-Portalen dazu interviewt. Der Text wird als „Emazipationsgeschichte einer jungen Türkin in Deutschland in den 60er Jahren“ gefeiert. Einer jungen Frau, die hin- und hergerissen zwischen zwei Welten war. Die wusste, dass aus Sicht ihrer Eltern Kontakte mit Jungen vor der Heirat tabu sind. Die später im Deutsch-Unterricht unbedingt eine Erörterung zur Aussage jenes Politikers schreiben wollte, der eine Sterilisierung ausländischer Frauen vorschlug, um Kindergeldzahlungen zu reduzieren. Und die heute noch sagt: „Für mich war es immer ganz wichtig, korrekt und ohne Fehler zu sprechen. Ich wollte nicht als Ausländer auffallen und Anlass zur Diskriminierung geben.“ Wenn sie frei sprechen sollte, hat ihr Herz „ganz stark geklopft“.

Sie möchte weitergeben, was Ab- und Ausgrenzung, aber auch Hilfsbereitschaft und Empathie bewirken können. Sie erzählt von „Schlüsselerlebnissen“, die ihr Halt und Selbstvertrauen gaben. Als sie in der ersten Klasse im Diktat nur einen Fehler hatte, lobte die Lehrerin Zahide vor versammelter Klasse. Wenn sie Probleme mit den Hausaufgaben hatte, durfte sie bei einem älteren Nachbars-Ehepaar anklopfen. In der Förderstufe, der 5. und 6. Klasse, arbeitete sie sich in den Hauptfächern Schritt für Schritt nach oben. Mit viel Ehrgeiz und Fleiß. „Ich wollte ja unbedingt aufs Gymnasium.“ Jahre später war ihr Abi-Schnitt so gut, dass sie in Frankfurt Medizin studieren konnte. So, wie sie es sich immer erträumt hatte.

Am Schluss des Buches ist eine Kinderzeichnung abgedruckt. Ein Bild, das eine der beiden Töchter von Zahide Özkan-Rashed gemalt hat. Mama, Papa und ein Kind sind dort zu sehen. Über den Köpfen schweben Flaggen. Über Mama ist es die türkische Fahne, über dem Vater die seiner alten Heimat Ägypten. Über sich selbst hat die Tochter die Deutschland-Fahne gemalt.

Letzte Frage: Welche Ratschläge würde sie allen geben, die trotz scheinbar unüberwindbarer Hindernisse ihren Traum nicht nur träumen, sondern verwirklichen wollen?

Die 53-Jährige zögert kurz und fasst dann zusammen:

1. Glaube an Dich und lass’ Dir nicht nicht einreden, dass Du etwas nicht schaffen kannst!
2. Öffne Dich, geh’ auf andere zu – auch wenn Du Dich noch nicht richtig zugehörig fühlst, oder andere Dich das glauben lassen!
3. Nimm Hilfsangebote und Ratschläge an – und gebe nie auf!

Nach diesen Sätzen schweigt Zahide Özkan-Rashed, lächelt nur. Zurückhaltend und in sich gekehrt. Es ist das Lächeln einer Frau, die wie das Mädchen aus dem Buch oft genug „zwischen allen Stühlen“ war. Ihren Platz im Leben, in dieser Gesellschaft, inklusive Freunde, Glück, Zufriedenheit und Liebe hat sie gefunden.

C. Detsch

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Die Lesung von Zahide Özkan-Rashed findet am nächsten Mittwoch, 2. Dezember, um 19.30 Uhr im Familienzentrum Billabong, Friedrich-Bergius-Weg 2 (Jugendhaus Riedberg), statt.

Zahide
Das Buch ist erhältlich in der Buchtruhe/Spieltruhe im Riedbergzentrum, der „Bücherstube Wildhage“ in Oberursel, bei „Bücher vor Ort“ in der Martin-Böff-Gasse, 60386 Frankfurt, sowie im Internet.