Wo über ein Jahrhundert lang Industrie-Geschichte im Kalbacher Süden geschrieben wurde, herrscht derzeit tiefe Besorgnis. Der traditionsreiche Industriestandort an der Talstraße steht vor ungewissen Zeiten. Die AVO Carbon Germany GmbH befindet sich seit dem 01.07.2026 im Insolvenzverfahren. Bis zum voraussichtlichen Abschluss des Verfahrens am 30.09.2026 läuft die Zeit – eine zermürbende Phase für rund 100 Beschäftigte, deren beruflicher Existenzgrund auf dem Spiel steht.
Die Schockwelle sitzt bei den Betroffenen tief. Bereits seit Jahresbeginn wurde über eine Betriebsänderung verhandelt, wobei die Gespräche schließlich vor der Einigungsstelle landeten. Neben dem drohenden Jobverlust wiegen auch enorme ausstehende Forderungen der Mitarbeiter schwer. Die Stimmung am Standort befindet sich auf dem Tiefpunkt. Trotz der enormen Belastung halten die Mitarbeiter die Produktion aufrecht. Dieser Einsatz ist entscheidend, um dem Betrieb überhaupt noch Handlungs- und Verhandlungsspielräume für eine Rettung zu sichern.
Michel Erhardt, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Frankfurt und Mitglied des Gläubigerausschusses, verdeutlicht die Vielschichtigkeit der Krise: Da die AVO-Gruppe bisher den Großteil der Prozesse steuerte und dieser Rückhalt nun entfällt, ist die Situation äußerst kompliziert. Der Insolvenzverwalter Joachim Kühne verhandelt derzeit intensiv mit der Unternehmensgruppe über verschiedene Wege, um eine Abwicklung und Liquidation des Standorts zu verhindern.
Für den Ortsteil Kalbach im Ortsbezirk Kalbach-Riedberg geht es dabei um weit mehr als um ein einzelnes Unternehmen. Seit dem späten 19. Jahrhundert prägte die ursprüngliche Deutsche Carbone das wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesicht des Ortes maßgeblich. Das Areal gilt seit jeher als Ankerpunkt lokaler industrieller Wertschöpfung. Zudem bietet der aufgestellte Bebauungsplan Nr. 947 (Gewerbegebiet Talstraße/Carbonestraße) stabile rechtliche Voraussetzungen für eine dauerhafte industrielle und gewerbliche Nutzung.
Angesichts der drohenden Betriebsauflösung schlägt die Lokalpolitik Alarm. Der Ortsbeirat 12 fasste am 24. September 2026 einen dringenden Beschluss an den Frankfurter Magistrat. Die Stadtpolitik wird aufgefordert, sich – unter Einbindung der städtischen Wirtschaftsförderung – mit Nachdruck für den Erhalt des Betriebs einzusetzen und sämtliche Möglichkeiten zur Sicherung der Arbeitsplätze an der Talstraße auszuschöpfen. Sollte eine Weiterführung des Unternehmens scheitern, müsse die Stadt aktiv dafür sorgen, neue Industrie- und Gewerbebetriebe für das Kalbacher Areal zu gewinnen.
