Schlagwort: Kultur in Aula

Dieterich Faber im Interview

Letzten Samstag präsentierte Dietrich Faber im Rahmen der “Kultur in der Aula” seine Bühnenshow “positiv”. Vor dem Auftritt gewährte er dem Stadtteilmagazin MainRiedberg ein Interview.

 

MainRiedberg:
Erstmal vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen konnten.

Dietrich Faber:
Gerne

MainRiedberg:
Was mich zuerst interessiert. Wie kriegt man das alles in einen Hut, sowohl organisatorisch als auch zeitlich: Kabarettist, Musiker, Schriftsteller und Schauspieler?

D. Faber:
Die Dinge sind ja miteinander ein bisschen verwandt und haben sich so auch fließend entwickelt.
Ich habe angefangen im Kabarettduo, so wurde es eigentlich mein Beruf. Mit einem  Schulfreund zusammen haben wir einfach aus Lust Programme gemacht. Zuerst traten wir in der Region auf und hatten gar nicht groß den Plan gehabt, das zum Beruf zu machen. Es wurde dann aber erfreulicherweise zum Beruf und wir haben das dann sehr lange gemacht.

Und anschließend kam die Idee, ein Buch zu schreiben und dann hat das eben auch funktioniert. Dadurch hat sich mein Beruf neu formiert. Wir haben im Duo vorerst eine Pause eingelegt und später die Zusammenarbeit beendet. Auf jeden Fall sind die Dinge so ineinander übergegangen.
Weiter ging es mit den Buch- und Lese-Shows. Die habe ich als eine Art von Lesung präsentiert, bei der kabarettistische, komödiantische und auch musikalische Elemente enthalten waren.
Aus dieser Musik ist dann der Manni Kreutzer, das ist eine Kunstfigur, entstanden. Der singt in seinem Dialekt Folk- und Country-Songs. Und das wurde dann zu einem eigenen musikalischen Projekt, was auch nebenher noch so läuft.
Und diese Schauspielgeschichte hat sich tatsächlich erst in den letzten zwei Jahren ergeben. Das ist letztendlich wegen Corona entstanden: plötzlich war Zeit da und waren Projekte möglich, die aus zeitlichen Gründen vorher nicht möglich waren.

Das klingt das jetzt zwar alles wie ein logischer Plan, der es aber nicht war. Es hat sich eben auf die Art entwickelt und mir machen eben viele Dinge Spaß.
Das Schreiben steht im Moment ein bisschen hintenan.

MainRiedberg:
Und das kriegt man alles gut geregelt?

D.Faber:
Ja, schon. Im Moment manage ich mich sogar selbst. Das war natürlich auch super hilfreich, denn über die Jahre habe ich ein ganz gutes Gefühl dafür entwickelt, wie viel ich mir zumuten will. Ich höre da auch in mich rein: auf was habe ich wirklich Lust.

Und ich bewege mich seit der Bröhmann Buchreihe, also seit zehn Jahren, ausschließlich in Hessen. Also meine Tourneen gehen nur noch selten und in Ausnahmefällen darüber hinaus. Manchmal fehlt es mir sogar wieder ein bisschen, aus der, wie sagt man so schön sagt „Komfortzone“ rauszukommen. Aber dadurch, dass die Bücher als Hessenkrimis verkauft wurden und diese Musik-Figur auch eine hessische Figur ist, bin ich eben in der Regel mit meinen Auftritten in Hessen und habe dadurch nicht mehr so viel Reiserei.
Also so gesehen ist das alles eigentlich gut für mich händelbar und ich habe ein ganz gutes Gefühl dabei. Insgesamt glaube ich, dass ich mich als selbstständigen Künstler gut organisieren kann.

MainRiedberg:
Was inspiriert Sie denn am meisten? Wann und wo kommen Ihnen die besten Ideen?

D. Faber:
Da gibt es tatsächlich keine eindeutige Antwort.

Einerseits gucke ich aufs Außen, was um mich herum passiert, nehme auch gesellschaftlichen Dinge wahr. Obwohl ich in dem Sinne ja kein klassischer politischer Kabarettist bin, beeinflussen mich auch gesellschaftliche, kommunikative Dinge und natürlich die aktuelle Situation.

Aber ich gucke eben auch, und das ist die Form des Kabaretts, die ich auch mag:
wer bin ich? Und mit ‚ich‘ meine ich auch meine Freunde, meine Familie, ohne zu privat zu sein: also die eigenen Schwächen, die eigene Schrulligkeit, Merkwürdigkeiten und Kommunikationsschwierigkeiten genauso zu beleuchten und hochzunehmen. Also Menschen beobachten, Menschen mit ihren Schwächen – und dazu gehören die eigenen – und daraus einen Humor zu transportieren, der hoffentlich eben nicht zynisch ist, sondern derart, dass man auch über sich selber und nicht nur über die anderen lachen darf.

MainRiedberg:
Also mein Eindruck war aber schon, dass Ihre Lebenswirklichkeit, also das Tagtägliche, die Alltäglichkeit die wichtigste Inspirationsquelle ist.

D. Faber:
Ja, ich beobachte im Alltag, aber ohne dass ich ständig mit dem inneren Notizbuch durchs Leben renne. Ich scanne nicht alles ab auf Verwertbarkeit.

Dieterich Faber live; Foto: D.Walz

MainRiedberg:
Ihre Ortsverbundenheit zu Oberhessen kommt schon deutlich raus, die spielt überall eine Rolle.

D. Faber:
Ja klar. Aber ich bin kein ausgesprochener Lokalpatriot. Das hat sich auch ein bisschen so ergeben: ich lebe gerne in Mittelhessen und in Gießen, bin da in der Nähe aufgewachsen und ich war fast mein ganzes Leben dort. Das hat auch praktische Gründe. Beim Touren ist man schnell im Süden, im Norden, mal schnell auf der Autobahn. Ich könnte auch woanders glücklich sein.
Also es ist so, ich kenne die Region und habe die zum Gegenstand in meinen Romanen gemacht und meine Figuren sprechen eben teilweise diesen Dialekt. Aber ich merke schon, dass das gar nicht so eine wahnsinnig große Bedeutung hat, als dass ich mich für immer mit Mittelhessen beschäftigen müsste.

MainRiedberg:
Das Publikum spielt für Sie dann doch schon eine große Rolle wie Sie sich als Künstler ausleben?

D. Faber:
Ja, ich sage es auch selber in meiner Show. Es ist immer schön, wenn die Leute kommen, weil alleine weniger Spaß macht und ich das Programm schon kenne. Das ist natürlich das Schöne an meinem Beruf. Und damit meine ich auch gar nicht nur einen Riesenapplaus und Ovationen zu bekommen, sondern die Art, miteinander den Abend zu verbringen.
Und da habe ich erstmal so einen Grundrespekt. Die Menschen haben sich entschieden, kommen zu mir, haben Eintritt gezahlt und wollen unterhalten werden. Und das ist einfach schon mal eine schöne Vereinbarung. Also die Leute kommen ja freiwillig und im besten Fall entsteht eine schöne gemeinsame Stimmung.
Bei Büchern ist es natürlich ein bisschen anonymer. Deswegen sind ja dann auch die Lesungen Buch-Shows, da ich da eben in Kontakt komme und Rückmeldungen kriege.

Bühne macht ohne Publikum nicht viel Sinn. Das ist schon ein schönes Miteinander und inspiriert ja auch, was man so von den Menschen etwas mitbekommt.

MainRiedberg:
Ich denke, jeder Künstler braucht ein Stück Anerkennung für das, was er tut. Gefällt das überhaupt oder ist das nur in meinem Kopf gewachsen und gediehen und kümmert aber sonst niemanden? Das wäre ja wahrscheinlich das Ende der ganzen Kunst.

D. Faber:
Es mag ja Künstler geben, die sagen „Mir ist das Publikum egal. Mir geht es darum, dass ich mich in meiner Kunst ausdrücke“. Mir würde es gar keinen Spaß machen und ich hätte ich auch schon längst aufgehört, wenn ich gemerkt hätte, das funktioniert mit Publikum nicht. Man muss es auch mögen oder können, vor Menschen immer wieder aufzutreten und sich zu produzieren oder zu zeigen.

MainRiedberg:
Mich würde interessieren, wie entsteht denn so eine Bühnenshow? In meiner naiven Vorstellung ist da ein ‚roter Faden‘ oder eine Grundidee und da werden dann einzelne Szenen, Sketche und Musikeinlagen wie Wäschestücke auf einer Wäscheleine aneinandergehängt und irgendwann mal sagt man sich ‚Jetzt steht das Ganze‘.

D. Faber:
Ja ein bisschen ist es tatsächlich so.
Ich fange erstmal ganz grob an, mit mir selber zu brainstormen: was kann ein Oberthema sein. So habe ich mich ja für diesen Titel ‚positiv‘ entschieden.
Also das war schon bewusst als kleiner provokativer Titel gedacht, wo doch die gesamtgesellschaftliche Stimmung eher nicht als unbedingt positiv zu beschreiben ist.

Ich hatte relativ früh die Idee, ein Programm zu machen mit dem Anspruch, mit meinen Inhalten und meinen Figuren positiv zu unterhalten und eine Grundstimmung zu bringen, die Freude macht. Und obwohl uns genug Elemente im Leben begleiten, zu denen man sich kritisch und negativ äußert.

Aber ich habe gemerkt, dass das aber ein hoher Anspruch ist und habe versucht, diesen nicht zu eng zu fassen.  Ich fragte mich, worauf ich Lust habe und was will ich erzählen? Was brennt gerade in mir? Was sind die Themen, die ich gerne sehen würde? Was kann ich gut? Was ist die Basis und der Kern?
Und wenn ich das mal habe, dann läuft es, weil dann ist das Verkopfte ein bisschen raus ist. Am Ende ist das nochmal harte Arbeit, um das Programm in eine Form zu bringen, damit es auch wirklich funktioniert und für die Bühne passt.

MainRiedberg:
Ich dachte mir auch zuerst, der Titel ‚positiv‘ kann für ein Kabarett nicht ernst gemeint sein, aber habe das dann für mich so gedeutet, dass man es nicht nur als ‚positiv‘, sondern eher als ‚trotzdem positiv‘ verstehen muss, gerade angesichts der Katastrophen, die man so weltweit erlebt: trotzdem mal was Positives zu berichten und darzustellen.

D. Faber:
Ja, oder einfach auch eine positive Grundhaltung. Da klinge ich fast wie so wie so ein in die Jahre gekommener Schlagersänger. Das ist mein Anspruch bei der Show, dass sich die Menschen wirklich gut unterhalten fühlen, dass sie rausgehen und sagen „ich habe wirklich einen richtig schönen Abend gehabt und ich habe aber auch was zum Nachdenken bekommen oder wurde auch mal angerührt und habe viel zu lachen gehabt“.

Manni Kreutzer zum Beispiel, der nimmt ja auch eine sehr positive, eigentlich eher eine naive Rolle in dem Programm ein. Trotzdem hat er Herz und Haltung und geht wie ein großes Kind auf die Leute zu.

D.F. alias Manni Kreutzer; Foto: D.Walz

MainRiedberg:
Schon eine neue Show in Arbeit?

D. Faber:
Nee, nee, tatsächlich noch nicht. Ich bin eher gerade im Moment am überlegen, wann genau ein neues Programm kommt. Das könnte im Herbst nächsten Jahres sein. Aber ich habe noch gar nicht angefangen daran zu arbeiten.
Dann ist auch noch unklar, wie lange ich das aktuelle Programm noch spielen oder was ich an sonstigen Projekten machen will. Und die Zeit geht immer so schnell rum. Tatsächlich gibt es noch nichts Neues.

MainRiedberg:
Ich möchte Ihnen noch ein Zitat aus Ihrem letzten Buch vorlesen, das mich beschäftigt hat. Bröhmanns Mutter hat das gesagt, und zwar auf einer der letzten Seiten:
Mittelmäßigkeit wird unterschätzt. Zufrieden sein könne man nur dann, wenn man mit der schnöden Normalität klarkäme.
Fand ich wirklich gut. Ist das so eine Art Lebensmotto? Denn, ich will es jetzt nicht so hoch hängen, ich fand aber den Ausspruch deswegen ganz gut, weil man oftmals dem Besten, dem Größten, dem Schnellsten hinterherhetzt, anstatt einfach mal zufrieden zu sein mit dem, was man erreichen kann und was in den eigenen Möglichkeiten liegt.

D. Faber:
Ich kann es gar nicht besser sagen, als Sie es gerade gesagt haben.
Aber Lebensmotto? Weiß ich jetzt nicht.
Ich habe es Bröhmanns Mutter sagen lassen und hatte es sogar auch im Programm mal drin. Deswegen finde ich es wirklich interessant, dass sie es rausgefunden haben: da hatte ich auch ein bisschen was mit Mitteldeutschland, Mittelhessen und Mittelmäßigkeit. Natürlich will ich als Künstler darüber einen Gag machen.
Ich will natürlich nicht, dass das Publikum rausgeht und sagt, dass der Abend mittelmäßig war, da habe ich einen eigenen Anspruch. Aber ich weiß, was Sie meinen und würde jetzt nur noch mal mit eigenen Worten das Gleiche sagen, was Sie gesagt haben. Das ist tatsächlich eine Kunst, mit der Mitte klarzukommen. Und da eine Zufriedenheit zu entwickeln, klingt wahnsinnig einfach und banal. Ist es aber nicht.

MainRiedberg:
Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass diese Normalität ein zentrales Thema in Ihrem Werk ist.

D. Faber:
Ich glaube, dass man, wenn man auf die gesellschaftliche Situation sieht, kann man zufrieden und dankbar sein mit dem was man hat. Gerade hier bei uns in Deutschland und aller Unzufriedenheit, die man so hört. Bei aller berechtigten Kritik, die es gibt, fehlt mir persönlich ganz oft die Einsicht, sich wirklich mal klar zu machen, in was für einem Land wir leben und was das uns für eine Selbstverständlichkeit ist, dass sich um jeden gekümmert wird. Selbst denjenigen, der schon einige mal Mist gebaut hat, fängt das Sozialsystem immer wieder auf.

Ich war gerade in Amerika im Urlaub und da ist mir das auch noch mal so klar geworden. Wenn man durch San Francisco oder andere Städte läuft, liegt an jeder Straßenecke ein Obdachloser rum oder es reden irgendwelche verwirrten Menschen vor sich hin – in so einem reichen Land! Und wir haben hier ein System, wo wir uns um diese Dinge kümmern und viele Dinge funktionieren. Und man macht sich auch oft lustig über die spießigen Deutschen und ihre Organisiertheit. Aber bei uns wird der Müll abgeholt!

MainRiedberg:
Und der letzte Bröhmann war wirklich das große Finale?

D. Faber:
Großes Finale. Genau. Der Rücktritt vom Rücktritt ist noch nicht geplant.

MainRiedberg:
Ich habe noch mal eine ganz andere Frage, weil das auch uns in der Redaktion beschäftigt. Haben Sie sich schon mal mit künstlicher Intelligenz beschäftigt?

D. Faber:
Noch nicht so richtig intensiv. Aber ein paar Sachen habe ich schon ausprobiert. Und auch Freunde von mir benutzen das auch für den Coachingbereich.
Ein spannendes Thema mit Gefahren und Chancen zugleich!

Aber selbst wenn die KI objektiv einen genauso guten Text schreiben könnte, bald mit Sicherheit auch besser kann, kann mir ja keiner die Freude, den Text selbst geschrieben zu haben und das Gefühl, das man zu dem Text hat, wirklich nehmen. Aber trotzdem wird sich das Schreiben, glaube ich, sehr stark verändern.

MainRiedberg:
Herr Faber, ich bin am Ende meines Interviews. Vielen Dank dafür.

D. Faber:
Das war ein schönes Interview. Danke.

D.F. alias Orgel-Willi; Foto: D.Walz

 

 

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Karin Rabhansl im Interview

Letzten Samstagabend hat die Josua-Gemeinde die Musikerin Karin Rabhansl eingeladen. Sie trat mit ihrem Solo-Programm in der Aula der Grundschule Riedberg auf. Vor dem Auftritt gewährte Karin Rabhansl dem Stadtteilmagazin MainRiedberg ein Interview.

MainRiedberg:
Zunächst ein Frage, die wahrscheinlich alle stellen: wann hast du angefangen mit Musik?

Karin Rabhansl:
Ich war schon im Kindergarten total fasziniert von der Gitarre. Klettergerüste und Schaukeln haben mich gar nicht interessiert. Ich wollte eine Gitarre haben und habe meine Eltern solange genervt, bis die mir eine Gitarre gekauft haben. Gesungen habe ich schon immer: ich hatte einen dieser roten Sony-Kassettenrekorder mit dem quietschroten Mikrophon und bin damit durchs ganze Haus gesprungen und habe alles darauf zusammen gesungen.
Und dann habe ich die Gitarre für mich entdeckt und damit angefangen.
Gitarrenunterricht habe ich in der zweiten Klasse bekommen, mit acht.

MainRiedberg:
Mit eigenem Gitarrenlehrer?

Karin Rabhansl:
Ja, in Niederbayern, aus der Nähe von Passau, wo ich herkomme, da hat mich meine Mutter jede Woche hingefahren, und dass obwohl wir nur ein Auto hatten, das sich meine Eltern teilen mussten.

MainRiedberg:
Und wann hast du angefangen selbst Stücke zu schreiben, also auch Texte zu verfassen?

Karin Rabhansl:
Witzigerweise während meiner Ausbildung zur Bankkauffrau. Ich habe eine Banklehre bei der Sparkasse gemacht und da war ich so frustriert, dass ich angefangen habe, die ersten Songs zu schreiben.

MainRiedberg:
Karin, bei Liedermachern stelle ich mir oft die Frage, hätte es auch eine Lyrikerin/Schriftstellerin Karin Rabhansel werden können?

Karin Rabhansl:
Nein, weil für mich beides immer zusammen gehört: ich finde Texte wahnsinnig wichtig. Es gibt Musiker die sagen, nein ich schreibe den Text ja nur, weil ich einen Text haben muss. Aber ich finde beides, Musik und Text, ist gleich wichtig. Ich lese unfassbar gerne und viel – schon seit frühester Kindheit.  Aber nur Texten war immer zu abstrakt für mich.

Auch ob ich wirklich Musikerin werden sollte – ich komme aus einem sehr unmusikalischen Haushalt – war immer sehr ‘unnaheliegend’. Ich hatte zwar immer viel Spaß beim Aufsätze- und Geschichten-Schreiben, aber nur Texte schreiben, ist mir nie in den Sinne gekommen.

MainRiedberg:
Und spätestens nach deiner Bank-Lehre wusstest du, dass du mit Finanzen nichts am Hut hast, und hast die Musikschule besucht. Und was hat dir die Ausbildung künstlerisch und beruflich gebracht?

Karin Rabhansl:
Ich habe mich plötzlich nicht mehr so allein gefühlt. Ich war in meinem Dorf in Niederbayern die Einzige, oder eine der Wenigen, die eigene Lieder geschrieben haben. Ansonsten gab es einige Cover-Bands, die auf Festen aufgetreten sind. Ich selbst habe in einer mitgespielt.

Aber die Berufsfachschule war für mich ein totales Erweckungserlebnis. Das war und ist eine kleine Schule in Mittelfranken, in Dinkelsbühl, wo es einen Pop- und einen Klassik-Zweig gab. Da habe ich mit klassischer Gitarre angefangen. Und habe dort so viele Gleichgesinnte getroffen. Da hat sich das Lebensgefühl eingestellt: ich bin nicht komisch, es gibt ganz viele mit der gleichen Begeisterung für Musik und die den – fast schon – Wahnsinn für die Musik teilen, den ich schon immer in mir gespürt habe.

Bei den Jam-Sessions haben mir die Leute gesagt, dass ich gut singen kann, weshalb ich noch Pop-Kurse dazu genommen und meine Songs weiter geschrieben habe. Ich bin dabei selbstbewusster geworden und habe erkannt, dass ich das gut kann und es für mich Sinn macht, damit meinen Beruf, oder mein Leben, zu bestreiten.

MainRiedberg:
Dazu kommen ja sicherlich die Verbindungen zu anderen Musikern. Du spielt ja heute noch zusammen mit ehemaligen Mitschülern?

Karin Rabhansl:
Ja, genau. Der Joschi Joachimsthaler war mit mir in Dinkelsbühl.

MainRiedberg:
Hat dich die Schule auch in Hinblick auf den Beruf als Musikerin und das “Musik-Business” vorbereitet?

Karin Rabhansl:
Es gab das Fach ‘Musik und Business’, wo man rudimentär darüber geredet hat. Ich habe mir das aber dann selber drauf geschafft und man lernt im Laufe der Zeit dazu.
Letzten Endes muss man es einfach ausprobieren. Es gibt nicht den einen richtigen Weg: jeder Musiker, jeder Musikerin muss einfach kucken, wie es für einen selbst am besten funktioniert.

MainRiedberg:
Wie hat der Einstieg in die Professionalität für dich funktioniert. Sicherlich gab es da ja auch ein paar Hindernisse zu überqueren?

Karin Rabhansl:
Klar. Ich war von 2006 bis 2009 an dieser Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl und habe mich nach meinem Abschluss 2009 selbstständig gemacht. Anschließend bin nochmal kurz zurück zu meinen Eltern gezogen und habe dann an der dortigen Musikschule angefangen privat zu unterrichten.
Dann habe ich immer mehr Konzerte gespielt und den Unterricht zurück geschraubt. In Nürnberg, wo ich seit 2011 wohne, habe ich immer noch meine Privatschüler, die ich in Gitarre und Gesang unterrichte.
Du musst heutzutage als Musiker/in so aufgestellt sein wie eine Spinne: ein bisschen unterrichten, Konzerte geben, in anderen Bands mitspielen – ich spiele in meiner Rockband Bass -, mal Solo-Konzerte geben. Dann habe ich noch ein Duo – Fischer&Rabe (*1) heißt es – und moderiere noch eine Radio-Sendung (*2).
Alles, damit man verschiedene Sachen unternimmt und nie stehen bleibt. Das ist das Schlimmste, wenn man sich selbst so genügt, dass man keine Lust mehr hat zu lernen. Ich nehme selber immer noch Gesangsunterricht bei einer klassischen Sängerin und habe auch einen Bass-Lehrer.

MainRiedberg:
Und deine erste CD hast du noch in Eigenproduktion erstellt? (*3)

Karin Rabhansl:
Ja, genau.

MainRiedberg:
Und du bist dabei mit einer kompletten Vorstellung, wie das Ganze klingen soll, ins Tonstudio gegangen, hast ein paar Musikerfreunde zusammengesucht, “kommt wir machen mal was, hier sind die Noten, lasst uns mal was einspielen”?

Karin Rabhansl:
(lacht) Nee, die Vorstellung ist völlig übertrieben. Das war eher ein Blindflug!
Das ist das Schöne an einem Debüt-Album, dass du noch keinen Erwartungsdruck von irgendwelche Menschen hast, inklusive dir selber, sondern dass du ganz jungfräulich daran gehst. Und einfach keinen Druck verspürst, sondern machst, was du denkst. Da gab es tatsächlich ein paar Bekannte – auch Freunde auch aus Dinkelsbühl -, die mich unterstützt haben; dann habe ich in Nürnberg, Passau und Berlin aufgenommen und das Ganze zusammen gewurschtelt. Und es klingt auch so ein bisschen wie Kraut und Rüben. Aber jeder Titel ist immer eine Momentaufnahme, wie ein Zeitstempel, der deinen Stand zu dieser Zeit wiedergibt.

MainRiedberg:
Und im Studio, oder wenn ihr zusammen probt, bist du dann die Chefin?

Karin Rabhansl:
Ja. Bei meinem letzten Album ‘Rodeo’ habe ich versucht, 30 Vorproduktionen zu erstellen, also selber Schlagzeug zu programmieren, Bass und Gitarre allein einzuspielen und drüber zu singen, um dann ein grobes Demo für jeden Titel zu haben.

MainRiedberg:
Und die Aufnahmen davon teilst du den Musikern aus?

Karin Rabhansl:
Genau. Ich schreibe keine Noten aus. Die Musiker hören die Noten und Akkorde raus, ich gebe noch ein grobes Lead-Sheet über den Aufbau des Titels aus. Dann wird die Band eingeladen und es werden die Titel vorgespielt. Und bei einem Ranking, wo jeder seinen Senf dazu geben kann, wird entschieden, mit welchen Titeln wir ins Studio gehen.

Ein Kollege von mir hat mal gesagt, er pflegt die ‘demokratische Monarchie’ – und das trifft es auch bei mir ganz gut. Natürlich schreibe ich die Melodie und den Text, setze die Harmonien, aber du kannst einem grandiosen Gitarristen wie dem Joschi Joachimsthaler, nicht einfach sagen, was er für ein Solo zu spielen hat, oder einer Julia Fischer, was sie so zaubert. Oder mein Schlagzeuger Simon Weber, der sich einen eigenen Beat für ‘Schaufema’ überlegt hat, weil das Demo für ihn nicht funktioniert hat.

Ich habe im Prinzip das letzte Wort. Auf dem Album steht halt ‘Karin Rabhansl’ drauf und die Produktion ist eben mein Ding.

MainRiedberg:
Und wie entsteht ein Song? Fängt das mit einer Akkordfolge, einer Melodie oder einer Textzeile an?

Karin Rabhansl:
Es gibt nicht wirklich eine Regel. Ich brauche Inspiration. Meistens weil ich keinen Bock habe, das Bad zu putzen, oder die Steuer zu machen. Und dann fällt mir eher etwas auf der Gitarre oder am Bass ein. Oder: ich bin mal eine Zeit lang mit dem Fahrrad gefühlte hunderttausend mal an einen Werbeplakat von ‘Parship’ mit dem Spruch ‘alle elf Minuten verliebt sich ein Single’ vorbeigefahren, der sich bei mir so eingebrannt hat, dass dieser als Textzeile in ‘Amor’ einging.

MainRiedberg:
Was ich mich anfangs überrascht hat war, wie man die Telecaster (*4) und die akustische Gitarre unter einen Hut kriegt, zumal sich mit den beiden Instrumenten oft ein unterschiedlicher Stil verbindet?

Karin Rabhansl:
Ich will alles machen und mir selbst nicht irgendwelche Regeln oder Grenzen auferlegen, weil darunter meine Kreativität leidet. Sobald ich mich selbst einschränke, leidet alles darunter. Ich finde in jedem Genre, das die Musik zu bieten hat, etwas Spannendes. Klar könnte man sagen, jetzt fehlt der rote Faden: da folgt auf eine tot-traurige Akustiknummer ein Rockbrett und wie passt das zusammen? Aber ich glaube der rote Faden ist bei mir die Stimme, die alles zusammenhält.

MainRiedberg:
Damit wäre ich bei meiner nächsten Frage: einerseits singst du in hochdeutsch, andererseits im bayerischen Dialekt. Wie entscheidest du, wann du einen Titel auf hochdeutsch oder bayerisch singst? Das Versmaß ist in jeder Sprache unterschiedlich und damit wirkt sich Text doch unmittelbar auf die Melodie und den Rhythmus aus?

Karin Rabhansl:
Total. Beim Bayerischen ist so, das es weicher ist, ähnlich wie das Englische, wogegen das Hochdeutsche sehr hart ist. Ich finde auf Hochdeutsch kann man etwas nüchterner, vielleicht ein bisschen kühler, beschreiben. Das Bayerische ist etwas erdiger, manches ist etwas derber, vielleicht bisschen grantiger. Z.B. Eine Lied wie ‘Schaufema’ würde auf hochdeutsch nicht funktionieren: da geht es ja um eine bayerische Sagengestalt. Auf der anderen Seite klingt ‘Baby lauf’ auf bayerisch fast schon wieder zu harmlos: das Thema häuslicher Gewalt ist so massiv, dass ich es im Text sehr nüchtern halten wollte.

MainRiedberg:
Es gibt sicherlich Titel, die du sowohl akustisch (oder solistisch) als auch elektronisch (mit Band) spielst?

Karin Rabhansl:
Ja. ‘Baby lauf’ spiel ich heute Abend solo, aber auch mit Band. Es gibt aber Titel, die funktionieren solistisch nicht so gut: “Rodeo” lebt von dem Gitarrensolo, das Riff habe ich zwar  geschrieben, aber ich könnte das fantastische Gitarrensolo nicht wie Joschi spielen.
Wenn ich solo spiele finde ich es schon wichtig, dass von allen fünf Alben so ein paar Lieder dabei sind und das Publikum am Abend die komplette Bandbreite hören kann.

Die Bühne ist gerichtet; Foto: D.Walz

MainRiedberg:
Ich persönlich würde dich schon als Band-Musikerin sehen. Worin liegt für dich der Reiz eines Solo-Konzerts? Davon abgesehen, dass man die Gage nur alleine kassiert!

Karin Rabhansl:
(lacht) Nur monetäre Gründe!! Die alte Bankkauffrau!!
Ich liebe alles. Ich habe ja gerade vier Formationen: eine Punk-Band ‘Pets’ – da bin ich ‘nur’ die Gitarristin, spiele einige Soli und singe die zweite Stimme; dann habe ich mit der Keyboarderin meiner Band ein Duo ‘Fischer und Rabe’, die Rock-Band macht unfassbar Spaß, da kann man richtig die Sau rauslassen.

Aber solo ist immer ein bisschen intimer, im kleineren Rahmen – das hat seinen eigenen Reiz.
Da ist man mehr bei sich.

Karin Rabhansl live; Foto: D.Walz

 

Anmerkungen MainRiedberg:
*1 Julia Fischer (Piano und Keyboards) und Karin Rabhansl
*2 “Die große Karin Rabhansl Show” https://radiobuh.de/team/?d=karin-rabhansl
*3 “Mogst schmusn, mia wad’s wurscht”
*4 Modelltyp einer elektrischen Gitarre

 

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