Wer durch die modernen Quartiere des Riedbergs spaziert oder das geschäftige Mertonviertel in Heddernheim durchquert, denkt vermutlich selten an die Sakralarchitektur der Zwischenkriegszeit im stadtnahen Bockenheim. Doch zwischen dem Frankfurter Norden und der dortigen Frauenfriedenskirche existieren faszinierende historische und städtebauliche Querverbindungen. Sie verknüpfen das Lebenswerk eines bedeutenden Kirchenbaumeisters der Moderne mit der Industriegeschichte eines weltbekannten Frankfurter Traditionsunternehmens.
Hans Herkommer und das monumentale Friedensgebet
Die Frauenfriedenskirche in der Bockenheimer Zeppelinallee gilt als eines der ungewöhnlichsten und eindrucksvollsten Gotteshäuser des 20. Jahrhunderts. Errichtet zwischen 1927 und 1929 auf Initiative des Katholischen Deutschen Frauenbundes, sollte der Bau als „steinernes Friedensgebet“ und Gedenkstätte für die Gefallenen des 1. Weltkriegs dienen. Mit der architektonischen Umsetzung wurde der aus Schwäbisch Gmünd stammende Architekt Hans Herkommer (1887–1956) betraut. Herkommer, ein Schüler der renommierten Stuttgarter Schule um Paul Bonatz und Theodor Fischer, schuf ein Meisterwerk an der Schnittstelle zwischen »Expressionismus« und »Neuer Sachlichkeit«. Er selbst beschrieb seinen markanten Stil oft als „sachliche Romantik“.
Typisch für Herkommers Arbeiten ist der monumentale, fast wehrhafte Charakter der Bauten. Bei der Frauenfriedenskirche nutzte er den damals hochinnovativen Baustoff Sichtbeton, kombiniert mit monumentalen Parabelbögen im Innenraum und einer klaren, kubischen Formensprache nach außen. Die wuchtige Frontseite mit der riesigen Portalnische zieht bis heute die Blicke auf sich und zeugt vom Mut zur architektonischen Moderne im Frankfurt der späten 1920er-Jahre.

Ein Stück Architekturgeschichte auf dem Riedberg
Herkommers bleibende Verbindung zum Frankfurter Norden ist heute im Stadtbild festgeschrieben. Im Ortsbezirk Kalbach-Riedberg wurde eine Straße nach dem berühmten Baumeister benannt: Der Hans-Herkommer-Ring liegt inmitten einer attraktiven Wohngegend des Riedbergs. Diese Widmung stellt sicher, dass das Andenken an den Mann, der Bockenheim eines seiner markantesten Wahrzeichen schenkte, auch in den jüngeren Quartieren der Stadt lebendig bleibt. Abgesehen von einem nicht realisierten Wettbewerbsentwurf für ein Verwaltungsgebäude der Firma „H. Fuld & Co.“ im Jahr 1929 blieb die Frauenfriedenskirche Herkommers einziges realisiertes Werk in Frankfurt, bevor er sich nach dem 2. Weltkrieg wieder verstärkt auf den Stuttgarter Raum konzentrierte.
Licht und Farben aus dem Mertonviertel: Die Fensterspende der VDO
Die Frauenfriedenskirche überstand die Jahrzehnte jedoch nicht unbeschadet. Während der schweren Luftangriffe im Jahr 1944 wurde der Sakralbau durch Bomben stark beschädigt, wobei auch die ursprünglichen Kirchenfenster vollständig verlorengingen. Der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit war eine Gemeinschaftsleistung der Frankfurter Bürgerschaft und der lokalen Wirtschaft. An dieser Stelle kommt eine feste historische Größe des Frankfurter Nordens ins Spiel: die VDO Adolf Schindling AG.
Das für Tachometer und Automobilelektronik weltweit bekannte Unternehmen übernahm im Zuge der Instandsetzungsarbeiten die Finanzierung für die Erneuerung der großen Fenster im Hauptschiff. Die Verbindung war zu diesem Zeitpunkt zutiefst lokaler Natur. Die VDO war eng in Bockenheim verwurzelt, da sich ihr historischer Stammsitz und das Hauptwerk jahrzehntelang in der nahegelegenen Bockenheimer Gräfstraße befanden. Erst Ende der 1980er-Jahre wurde diese Betriebsstätte im Zuge von Umstrukturierungen aufgegeben.
Die heutigen, farbgewaltigen Glasfenster wurden schließlich 1961 von dem bekannten Frankfurter Glasmaler und Bildhauer Joachim Pick entworfen und von der renommierten Glaswerkstatt Schillings realisiert. Sie stellen symbolisch den zerrissenen Vorhang von Golgotha dar und tauchen das Kirchenschiff in ein besonderes, andächtiges Licht. Ermöglicht wurde dieses bleibende Kunstwerk maßgeblich durch das mäzenatische Engagement der Firmenleitung von VDO.
Gleichzeitig schlägt die Geschichte des Unternehmens die Brücke direkt nach Heddernheim. Im heutigen Mertonviertel, südlich der U-Bahn-Station Sandelmühle an der Hadrianstraße, entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein großes VDO-Zweigwerk. Hier war insbesondere die Spezialdivision VDO Luftfahrtgeräte Werk Adolf Schindling GmbH ansässig, die hochpräzise Fluginstrumente fertigte. Obwohl das Unternehmen später an Siemens und Continental überging und die Areale neu strukturiert wurden, bleibt das industrielle Erbe präsent: Teile des Geländes werden heute von Diehl Aerospace weiterhin für die Luftfahrtausrüstung genutzt. So verbindet die Frauenfriedenskirche über den Architekten Hans Herkommer und das Unternehmen VDO die Stadtteile Bockenheim, Heddernheim und den Riedberg zu einer gemeinsamen Erzählung aus Kunst, Architektur und Industriegeschichte.
