Der Riedberg hat sich in den letzten Jahren zu einem der dynamischsten Wissenschaftsstandorte Europas entwickelt. Wo einst weite Felder das Panorama prägten, erstreckt sich heute ein hochmodernes Gefüge aus Forschungsinstituten, Wohnanlagen und akademischen Einrichtungen.
Eine der wenig beachteten Nebenstraßen in diesem Gefüge ist die Konrad-Zuse-Straße. Sie zweigt von der Altenhöferallee ab, wenn man den Riedberg hinauffährt, und führt bis zur Straße „Zur Kalbacher Höhe“. Nicht weit entfernt entsteht derzeit ein Bauwerk, das die Brücke zwischen der Pionierzeit der Datenverarbeitung und der technologischen Zukunft schlägt: das neue Institutsgebäude für Informatik und Mathematik der Goethe-Universität.
Dass ausgerechnet Konrad Zuse der Namensgeber dieser Straße im Quartier „Universität“ ist, zeugt von einem tiefen Verständnis für die Wurzeln unserer heutigen Informationsgesellschaft. Zuse, der 1910 in Berlin geboren wurde und 1995 verstarb, gilt als der Erfinder des ersten funktionsfähigen, programmgesteuerten Rechners der Welt. Für die heutigen Studentengenerationen, die am Riedberg ihre Ausbildung absolvieren, ist sein Lebenswerk mehr als nur ein Kapitel in den Geschichtsbüchern. Es ist eine Lektion in Beharrlichkeit, interdisziplinärem Denken und der Fähigkeit, gegen alle Widerstände an einer Vision festzuhalten.
Konrad Zuse: Ein Leben zwischen Transpiration und Inspiration
In seiner Autobiographie „Der Computer – Mein Lebenswerk“ reflektiert Zuse über die Tugenden, die ihn zum Erfolg führten. Ein zentrales Motiv, das er immer wieder betont, ist das Verhältnis zwischen Inspiration und harter Arbeit. In Anlehnung an Thomas Edison konstatierte Zuse, dass das Erfinden zu 1 % aus Inspiration und zu 99 % aus „Transpiration“, also harter Arbeit, bestehe. Für Studenten am Riedberg ist dies eine fundamentale Botschaft: Genialität allein reicht nicht aus. Es bedarf einer unermüdlichen Arbeitsdisziplin und der Bereitschaft, sich durch komplexe Probleme hindurch zu kämpfen.
Zuses eigene Ausbildung begann keineswegs im Bereich der Computerwissenschaften, da dieses Feld erst durch ihn erschaffen wurde. Er studierte zunächst Maschinenbau an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg, wechselte zur Architektur und landete schließlich beim Bauingenieurwesen. Diese Vielseitigkeit war sein großer Vorteil. Seine Abneigung gegen die mühseligen statischen Berechnungen, die er als Student und später als Statiker bei den Henschel-Flugzeug-Werken durchführen musste, war der eigentliche Zündfunke für seine Erfindung. Er wollte ein „mechanisches Gehirn“ schaffen, das ihm diese „geisttötende Arbeit“ abnahm.
Die Erfinderwerkstatt im Wohnzimmer
Die Anfänge seiner Arbeit waren geprägt von einem beispiellosen Improvisationstalent. 1935 kündigte Zuse seine sichere Stelle, um sich ganz der Konstruktion der Z1 zu widmen. Da ihm keine Labore oder Fabrikhallen zur Verfügung standen, funktionierte er das Wohnzimmer seiner Eltern in der Berliner Methfesselstraße in eine Werkstatt um. Er war ein Autodidakt, der kaum Ahnung von den damals existierenden Rechenmaschinen hatte, was ihn davor bewahrte, in konventionellen Bahnen zu denken.
Studenten heute können von diesem Pioniergeist lernen, dass Innovation oft dort entsteht, wo man den Mut hat, etablierte Pfade zu verlassen. Während Firmen wie IBM damals auf komplizierte Zahnräder und das Dezimalsystem setzten, erkannte Zuse die Eleganz des Binärsystems. Er verstand, dass sich alle logischen Operationen auf einfache Ja-Nein-Werte reduzieren lassen – ein Prinzip, das heute die Grundlage jeder CPU in unseren Smartphones und Laptops bildet.
Beharrlichkeit im Angesicht der Krise
Ein wesentlicher Teil von Zuses Lebenswerk ist seine Resilienz während der Kriegsjahre. Die heutige Studentengeneration am Riedberg wächst in einer Zeit globaler Unsicherheiten auf, doch Zuses Erfahrungen bieten eine Perspektive auf die Kraft der Wissenschaft in Krisenzeiten. Seine ersten drei Rechner fielen den Bombenangriffen auf Berlin zum Opfer. Doch anstatt aufzugeben, arbeitete er unter widrigsten Bedingungen weiter.
Besonders eindrücklich ist die Geschichte der Z4, die 1945 in einer geheimen Aktion aus dem brennenden Berlin evakuiert wurde. Unter dem Tarnnamen „V4“ – was sie in die Nähe der berüchtigten Vergeltungswaffen rückte und ihr so Priorität beim Bahntransport verschaffte – wurde die Maschine nach Göttingen und schließlich nach Hinterstein im Allgäu gerettet. Zuse versteckte das Gerät in einem Stall, wo es von den alliierten Truppen zunächst für eine geheimnisvolle Waffe gehalten wurde. Diese Hartnäckigkeit, eine technische Innovation über die Wirren eines Krieges hinwegzuretten, ist ein Beispiel für die unbedingte Leidenschaft, die einen Forscher antreiben kann.
Interdisziplinarität als Schlüssel zum Erfolg
Die Informatik auf dem Riedberg ist heute eng verzahnt mit den Naturwissenschaften. Wenn Informatiker an Proteinfaltungen forschen oder komplexe Klimamodelle berechnen, folgen sie Zuses Überzeugung, dass der Rechner ein universelles Werkzeug ist, das in allen Lebensbereichen Anwendung finden muss. Zuse selbst widmete sich nach seiner aktiven Zeit als Unternehmer intensiv der Malerei. Unter dem Pseudonym „Kuno See“ schuf er ausdrucksstarke Werke, die zeigten, dass Logik und Kreativität zwei Seiten derselben Medaille sind. Er sah in der Kunst den notwendigen emotionalen Ausgleich zur rationalen Welt der Technik.
Eine Lehre in Fehlerkultur
Für heutige Studenten, die oft unter einem enormen Leistungsdruck stehen, bietet Zuses Autobiographie eine wichtige Lektion über das Scheitern. Heinz Zemanek, ein Weggefährte Zuses, hob in seinem Geleitwort hervor, dass Zuse bemerkenswert offen über seine Fehler berichtete. Die Z1 beispielsweise arbeitete aufgrund mechanischer Ungenauigkeiten nie zuverlässig; die Blechschaltwerke klemmten regelmäßig. Doch Zuse nutzte diese Fehlschläge, um die elektromechanische Lösung der Z3 zu entwickeln.
Diese Offenheit gegenüber dem eigenen Scheitern ist eine Qualität, die in der modernen Wissenschaft oft zu kurz kommt. Zuses Botschaft ist klar: Wer keine Fehler macht, macht keine Fortschritte. Die Konrad-Zuse-Straße am Riedberg erinnert uns täglich daran, dass der Weg zur Erkenntnis über Irrtümer und deren Korrektur führt.
Der Campus Riedberg als Fortsetzung eines Lebenswerks
Wenn man heute durch die Konrad-Zuse-Straße spaziert, blickt man auf ein Viertel, das den Geist des Erfinders atmet. Die moderne Infrastruktur, die gute Anbindung durch die U-Bahn und die Nähe zu studentischen Wohnheimen schaffen ein Umfeld, in dem Talente gedeihen können. Mit dem Richtfest des Informatik-Neubaus im Oktober 2025 wurde ein weiteres Kapitel aufgeschlagen. Das Land Hessen hat massiv in diesen Standort investiert, um sicherzustellen, dass die kommende Generation von Mathematikern und Informatikern Bedingungen vorfindet, von denen Konrad Zuse in seinem Wohnzimmer nur träumen konnte.
Zuses Vermächtnis ist für die Studenten der Goethe-Universität ein Auftrag: Sie sollen die Werkzeuge nutzen, die er geschaffen hat, um die Probleme der Zukunft zu lösen. Ob in der Entwicklung neuer Medikamente, der Optimierung des Internets oder der Erforschung Künstlicher Intelligenz – der binäre Geist von Konrad Zuse ist allgegenwärtig.
Konrad Zuse hat bewiesen, dass ein einzelner Mensch die Welt verändern kann, wenn er über Visionen, Beharrlichkeit und den Mut zum Risiko verfügt. Die Konrad-Zuse-Straße ist somit mehr als eine Adresse; sie ist ein Wegweiser für alle, die auf dem Riedberg nach Wissen streben. Die Science City Frankfurt ist der ideale Ort, um dieses Erbe in das 21. Jahrhundert zu führen.
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