Hart & heavy – Riedberger früher

Die meisten, die in ihren Kinder- und Jugendjahren ein Musikinstrument lernen mussten, durften oder wollten, gaben entweder wieder ziemlich schnell auf oder man träumte davon, auf einer richtigen Bühne zu stehen und mal ordentlich abzurocken! So auch Harald Metzler, den wir Riedberger/innen als Schlagzeuger der Local Heroes „Riedberg Underground“ von ihren jetzt schon legendären Auftritten bei den letzten Sommerfesten der IG Riedberg kennen. 

Es müsste so etwa 1983 gewesen sein, als Harald begann mit dem Schlagwerk. Er und ein paar Kumpels aus dem DJK Tennisverein Mainz-Mombach trafen sich im elterlichen Keller der Metzlers. Instrumente konnte keiner so recht spielen, singen noch weniger. Da man eh zusammen die meiste Zeit im Keller der Eltern im Mombacher Westring abhing, unternahm man auch dort die ersten musikalischen Schritte. Als PA musste die elterliche HiFi-Anlage herhalten. Harald wundert sich noch heute, dass wirklich kein einziges Mal die Polizei vorbeikam. Denn eines war die Musik zumindest: laut und hart. Und vor Allem auch laut genug, um die Nachbarn zu ärgern.

Bei der musikalischen Ausrichtung waren sich die Jungs auch schnell einig: Paranoid von Black Sabbath und Breaking The Law von Judas Priest waren angesagt. Per „trial and error“ erarbeitete man sich die Akkorde selbst. Bis es so einigermaßen passte. Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen. Lyrics und Grifftabellen findet man im Internet und einschlägige Apps wie Songsterr erleichtern dem musikalischen Nachwuchs heutzutage diese Arbeit doch sehr. Die Mombacher Jungs haben sich aber per Gehör rangetastet und sich die Songs wirklich hart (und heavy) erarbeitet. Keiner hatte jemals richtigen Musikunterricht genossen.

Harald Metzler ist jetzt Schlagzeuger der Local Heroes von „Riedberg Underground“ – mit der Jugendband „Fracture“ fing alles an…

Wie sah denn das Equipment damals aus? Harald Metzler hatte ein Yamaha Set in dunkelrot / blutrot. Die Stöcke haben geharzt wie Sau und ordentlich Spuren auf dem Becken hinterlassen. Die Felle haben meist auch nur 2 Sets gehalten, weil er so hart draufgedroschen hat. Geht aber klar, da sein Vorbild Pete Gill von Motörhead war. Der Gitarrist hatte einen Flying V vom Karstadt: klang beschissen, sah aber sehr gut aus! Seine Vorbilder waren ganz klar bei Judas Priest. Das Vorbild des Sängers und Bandleaders war ja auch Judas Priests Rob Halford. Über die Set List wurde demokratisch abgestimmt und lag irgendwo bei Deep Purple, Black Sabbath, Judas Priest, AC/DC und Motörhead.

Sonnenbrillen bei Nacht, enge Hosen, Nietengürtel und ein Shirt von Iron Maiden

In den Anfangstagen gab es noch einen anderen Gitarristen. Wegen unüberbrückbarer musikalischer Differenzen trennte man sich aber. Zum entsprechenden Image einer Hard and Heavy Band gehörten aber auch das extra lässige Tragen der Sonnenbrillen bei Nacht, die engen Hosen (natürlich mit den obligatorischen Streifen), Hi Top Sneakers von adidas, Lederjacken, Gürtel mit Nieten oder auch eine verchromte Fahrradkette, sowie Band Shirts von Iron Maiden. Hauptsache war es, eine eigene Band zu haben und die Rockstar Attitüde zu leben.

Beim Üben nahm man zur Qualitätskontrolle auch auf einem verfügbaren Kassettenrekorder den einen oder anderen Song auf. Das ging dann so, wie man es früher auch im Radio gemacht hat. Psssssst, 3, 2 und 1 – los ging die Aufnahme. Und dann hoffen, dass keiner mehr husten muss oder der Postbote klingelt. Genauso haben wir früher doch alle unsere Lieblingssongs aufgenommen. Im Radio wartete man endlos lange, dass der aktuelle Lieblingssong doch endlich mal wieder gespielt werden sollte. Und wenn man dann endlich erlöst und der Titel anmoderiert wurde und man rechtzeitig Play und Record gedrückt hatte, bevor die Finger noch verkrampften oder einschliefen, dann konnte man sicher sein, dass der doofe Moderator am Ende wieder reinquatschen würde oder wieder mal ein vogelwilder Geisterfahrer auf irgendeiner Autobahn unterwegs sein würde und damit die gesamte Aufnahme ruinieren würde.

Nur für harte Männer, Rockstar-Attitüde inklusive

In Zeiten des Online-Streamings mit komplett verfügbaren und abrufbaren Back Catalogs kaum mehr vorstellbar. Die Tapes von Fracture sind aber leider allesamt verschollen.

Das erste Konzert gab die neue Rock Band dann auch standesgemäß im Vereinsheim des erwähnten Tennisvereins. Das Sportlerheim steht auch heute noch und angeblich haben auch alle Gäste diese Events überlebt. Das Publikum bestand aus 15 – 20 Jugendlichen. Die paar anwesenden Erwachsenen gingen bereits nach ein bis zwei Songs wieder. Das Repertoire der Band umfasste allerdings schon zehn Lieder wie z.B. Hells Bells der Opener des 1980er Albums Back in Black von AC/DC oder Ace of Spades vom ebenfalls 1980 erschienenen gleichnamigen Album von Motörhead.

Das Programm hatte sich also so irgendwie zwischen Heavy Metal und Punkrock eingependelt. Erste zarte Versuche in Richtung Thrash  oder Speed Metal gingen die Jungs auch an. Metal war damals noch häufig mit Gewalt und Schlägereien assoziiert. Bei den Konzerten von Fracture gab es aber immer nur Mosh Pits oder auch mal eine kleine Wall of Death.

Local Heroes mit stolzen 400 Zuschauern

Nach diesem ehrwürdigen Einstand in der lokalen Musikszene wurde der eine oder andere aber schon auf dem Schulflur erkennt und nach dem nächsten Gig gefragt. Kurze Zeit später war es dann auch soweit. Da man mit dem Organisator bekannt war durfte man im KUZ Mainz vor stolzen 400 Zuschauern spielen. Der Stadtschülerrat organisierte einen Band Battle. Das erste Mal dann auch ein Auftritt mit ordentlicher PA und Mikros. Die Fanbase dachte man mit Aufklebern und Guerilla Marekting zu aktivieren.

Trotzdem machte sich vor dem großen Auftritt etwas Nervosität breit. Ob der Trommler den Song aber wirklich schon beendet hatte, bevor der Sänger angestimmt hatte, ist bestimmt nur üble Nachrede. Immerhin erreichte man den dritten Platz (von drei Startern). Danach war man aber schon wer. Und der Anspruch war auch höher als bei manch anderem ambitionierten Schulprojekt.

Wie bei allen großen Bands begann dann der Ausverkauf. In Mainz verkaufte man die Tickets beim nächsten Gig noch für 4 DM und im Gonso für 3 DM. Während die meisten Eltern der Rocker heute noch in Mainz leben machten die Jungs ihr Abitur: Harald zog es nach Berlin, den Gitarristen nach München. Die Freundschaft hielt noch etwas, aber irgendwann waren dann doch Studium, Job und auch Familie wichtiger.

Bei Google gibt es Fracture immer noch…

Heute mag das alles nach „Oppa erzählt vom Krieg, also vom großen Krieg, dem ersten großen Krieg“ klingen. Aber wenn man google anwirft gibt es Fracture immer noch. Selbst ein wohl selbst geschriebener Wikipedia-Eintrag ist noch irgendwo zu finden (oder wieder böswillig gelöscht worden). Die Band selbst gibt es aber noch.

1994 gewann man sogar den SWF3-Rookies-Radiowettbewerb in der Koblenzer Sporthalle und man durfte beim Eröffnungsabend des ersten New Pop Festivals in Baden-Baden aufspielen. Drei veröffentlichte Alben auf RCM bzw. Kreakustik bis 2007 sind mehr als bemerkenswert. Ein letztes Konzert fand 2007 nochmals im KUZ Mainz statt. Bis 2016 eine Reunion stattfand und man auch nochmals 2 Silberlinge rausbrachte: Mombach und Westring. Die Band ist also sowas wie wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Mombach Metal lebt!

Text: Alexander Markert

Fotos: Alexander Markert/ privat