Haben diese Kids die gleichen Chancen?

Seit Wochen protestieren die Schülerinnen und Schüler der Ernst-Reuter-Schulen in Niederursel gegen zehn Jahre Sanierungsstau und gegen Pläne für einen Neubau der benachbarten Europäischen Schule teils auf ihrem Gelände. Heute Abend berichtet das ARD-Magazin „ttt“ über das einstige reformpädagogische Pilot-Projekt der Stadt Frankfurt unter dem Thema: Gleiche Chancen für alle?

Es war einmal das bürgerliche Glücksversprechen der sozialen Marktwirtschaft: Alle sollten die Möglichkeit haben, den Aufstieg zu schaffen. Niemand sollte durch Elternhaus, Vermögen und Herkunft eingeschränkt, kein Kind zurückgelassen werden. Dabei entscheidend: Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Wie aber ist es heute darum bestellt? Einer aktuellen Studie des World Economic Forum zufolge schneidet Deutschland in der Chancengleichheit nur mittelmäßig ab. Eine der größten Hürden für den sozialen Aufstieg sind ungleiche Bildungschancen.

Für die Autoren der ARD-Sendung ist das Beispiel Ernst-Reuter-Schule „ein besonderes Trauerspiel dieser Art“. Hier würden die beiden Einrichtungen, die seit Jahrzehnten integrativ und inklusiv arbeiten und besonders auch Kindern aus sozial schwächeren Schichten gute Bildungschancen ermöglichen, und die benachbarte Europäische Schule, auf die vor allem Kinder von Angestellten der Europäischen Zentralbank gehen, gegeneinander ausgespielt. „Jahrelang hat die Politik es versäumt, die Reuter-Schulen zu sanieren, und gleichzeitig der rasant wachsenden Europäischen Schule keinen neuen Standort zugewiesen – trotz gegenlautender Versprechungen.“ Jetzt gibt es Pläne, dass die integrativen Reuter-Schulen (ERS) der Europäischen Schule ausgerechnet das Gelände abtreten soll, auf dem ihre inklusiven Bildungsangebote angesiedelt sind.

Fakt ist aber auch: Die Leitung der benachbarten Europäischen Schule lehnt einen Neubau zu Lasten der ERS derzeit ab und sieht die Stadt in der Pflicht, alternative Vorschläge zu entwickeln.

Demo und Petition für die Ernst-Reuter-Schulen

Schon im Dezember protestierten Schülerinnen und Schüler der Ernst-Reuter-Schulen lautstark gegen die Pläne der Stadt Frankfurt. An einem Freitagnachmittag, bei strömendem Regen. Auf den Plakaten standen Sätze wie „Hände weg von unserer Schule“, „Wir sind keine Bau-Masse“ und „Ernst-Reuter-Schulen fordern Raum für Bildung“. Sie hatten Trillerpfeifen, Töpfe, Deckel und andere Dinge, die „möglichst viel Krach“ machten, dabei. Eltern gingen mit, teilweise auch Lehrer.

Seit kurzem läuft auch eine Petition auf dem Bürgerbeteiligungs-Portal der Stadt Frankfurt mit der Überschrift „Rettet die Ernst-Reuter-Schule“. Die notwendigen Unterschriften wurden bereits erreicht, die Initiatoren sammeln aber noch weiter. Online ist auch noch einmal kurz zusammengefasst, was die Betroffenen so bewegt: „Wir sollen 19.000 Quadratmeter an die benachbarte Europäische Schule abgeben. Dann funktioniert unser pädagogisches Konzept nicht mehr.“ Hier gab es schon Inklusion, „als kaum einer wusste, was das ist“. Jetzt sei nicht nur die Inklusion in Gefahr. Die Sanierung der in die Jahre gekommenen Gebäude wird seit zehn Jahren verschleppt, das Schwimmbad ist seit 2009 geschlossen. Jetzt sollen Schwimmbad und Turnhalle zugunsten der Europäischen Schule abgerissen werden und allerdings nur die Halle an anderer Stelle erbaut werden. Dagegen stemmen sich Schüler, Elternvertreter und auch die Schulleitung.

Der Protest begann, als Einzelheiten einer Machbarkeitsstudie des Amts für Bau und Immobilien (ABI) bekannt wurden. Diese kam zu dem Ergebnis, dass die Europäische Schule an ihrem Standort neben der Ernst-Reuter-Schule wachsen kann.

Die Petition für die Ernst-Reuter-Schule ist unter https://www.ffm.de/frankfurt/de/ideaPtf/45035/single/1256 zu finden.

Die ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ (ttt) mit einem Bericht über die Ernst-Reuter-Schule läuft heute Abend um 23.20 Uhr und ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Foto: MAINRiedberg