Schlagwort: Gewässerschutz

Mehr Schutz für Flora und Fauna: Wie der Urselbach von der 4. Klärstufe profitiert

Wilder Urselbach

Der Urselbach, der auf rund 18,5 Kilometern Länge von den Hängen des Taunus durch Oberursel und den Frankfurter Norden bis zur Mündung in die Nidda fließt, ist eine prägende Ader der regionalen Naturlandschaft. Doch als Bachtal im dicht besiedelten Ballungsraum stand das Gewässer jahrelang unter starkem ökologischen Druck. Eine Schlüsselrolle für die Zukunft des Baches nimmt die Kläranlage Oberursel in Weißkirchen ein: Mit der Aufrüstung um eine vierte Klärstufe gewinnt das Gewässer nachhaltig an Reinheit und biologischer Stabilität.

Das Problem mit den unsichtbaren Schadstoffen

Klassische Kläranlagen arbeiten üblicherweise mit drei Reinigungsstufen: der mechanischen, biologischen und der chemischen Stufe. Diese Verfahren entfernen zwar organische Stoffe sowie Nährstoffe wie Phosphat sehr effektiv, stoßen bei Mikroschadstoffen jedoch an ihre Grenzen. So gelangten täglich feinstgelöste Substanzen – darunter Rückstände von Medikamenten, Schmerzmitteln, Hormonen, Röntgenkontrastmitteln, Bioziden, Mikroplastik und Haushaltschemikalien – über das gereinigte Abwasser in das Fließgewässer.

Fachleute und Umweltverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnten seit Jahren vor den Folgen dieser Dauerbelastung. Der Experten Prof. Dr. Jörg Oehlmann von der Goethe-Universität machte darauf aufmerksam, dass Spurenstoffe selbst in geringen Konzentrationen die Wasserwelt schädigen – etwa durch hormonelle Störungen bei Fischen oder die Beeinträchtigung empfindlicher Mikroorganismen. Auch die Nachweise von multiresistenten Keimen führten dazu, dass das Gesundheitsamt zeitweise von einem direkten Wasserkontakt abriet. Punktuelle Störfälle mit toten Fischen durch erhöhte Ammonium- und Cyanidwerte unterstrichen die Empfindlichkeit des Bachsystems zusätzlich.

Die vierte Klärstufe als entscheidender Meilenstein

Die Implementierung der vierten Reinigungsstufe schließt diese Lücke im Abwasserprozess gezielt. Durch hochentwickelte Verfahren wie die Behandlung mit Aktivkohle oder die Ozonung werden bislang unerreichte Reinigungsgrade erzielt. Schwer abbaubare Moleküle und Spurenstoffe werden gebunden oder gespalten und wirksam aus dem Abwasser gefiltert. Bis zu 80 %, 90 % der verbleibenden Mikroschadstoffe können dadurch eliminiert werden, bevor das geklärte Wasser wieder dem natürlichen Kreislauf zugeführt wird.

Bedeutung für Mensch, Natur und die Region

Für den Urselbach ist dieser technische Fortschritt ein wichtiger Gewinn. Als typisches Vordertaunusgewässer führt der Bach in heißen Sommern oft nur wenig Quellwasser. In Dürreperioden stammt ein beträchtlicher Teil der Gesamtwassermenge aus dem Ablauf der Kläranlage. Je reiner dieses Wasser eingeleitet wird, desto besser erholen sich die Bestände von Kleinlebewesen, Insektenlarven und heimischen Fischarten.

Auch für den benachbarten Frankfurter Norden mit Stadtteilen wie Niederursel und dem Riedberg ergibt sich eine spürbare Aufwertung der Umweltqualität. Die gesteigerte Gewässergüte erhöht den Wert des Urselbachtals als beliebtes Naherholungsgebiet und unterstützt bestehende Initiativen zur Bachrenaturierung im Rahmen von Programmen wie „100 Wilde Bäche“. Die Kläranlage Oberursel leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur Erfüllung der EU-Wasserrahmenrichtlinie und übernimmt regionale Verantwortung für das gesamte Flusssystem.

Welche Baustellen sind noch offen?

Private Immobilien

Moderne Baugebiete, wie der Riedberg, das Mertonviertel und die Nordweststadt sind inzwischen mit getrennten Wasserläufen für Regenwasser und für Brauchwasser (Spülmaschine, Waschmaschine, Toilette, Waschbecken, …) ausgerüstet. Dumm allerdings, wenn die Handwerker bei der Installation die Wasserausgänge nicht an den Wasserstrang für das Brauchwasser sondern an den Wasserstrang für das Regenwasser angeschlossen haben. Dann läuft die Schmutzbrühe ungeklärt in die Flüsse. Stichprobenartige Untersuchungen haben ergeben, dass das in 5 % der Installationen der Fall ist.

Auch bei der Entwässerung der Dächer wurden Fehlentscheidungen getroffen und umgesetzt. Laut Gemeindeordnung sollen die Dächer über die Regenrinnen und Fallrohre in Grünflächen (z.B. der eigene Garten) entwässert werden. Das ist den Garten-Nutzern aber nicht so recht. Daher wurden die Fallrohre mit der Brauchwasserleitung verbunden und so gelangt das wertvolle Regenwasser wieder im Brauchwasser und belastet somit das lokale Abwassernetz. Anstatt im Boden zu versickern und so den örtlichen Grundwasserspiegel zu stärken.

Verbesserung der Abwasser-Infrastruktur

Wenn es in einem Gebiet zu intensiven Regenfällen kommt, müssen die Abwasserkanäle eine Menge Niederschlagswasser von den Straßen, den angrenzenden Gebieten, von landwirtschaftlichen Flächen, von Hausdächern und größeren Plätzen aufnehmen. Damit das System nicht überläuft (und die Kanaldeckel in die Höhe schießen), gibt es sogenannte Mischwasserentlastungen. Da wurde bei den Kanälen ein sogenannter Mischwasserüberlauf eingebaut, der das überschüssige Wasser aufnimmt und dann in den nächstgelegenen Bach einleitet. Dies ist dann jedoch nicht mehr reines Regenwasser, sondern eine Mischung aus Regenwasser und Brauchwasser. Dieses Gemisch schießt dann ungeklärt durch den entsprechenden Graben oder den Bach und landet dann beispielsweise in Niederursel, wo es entsprechende Überflutungen auslöst. Allein in Oberursel konnte man 10 Stellen identifizieren, an denen diese Problematik vorliegt.

Landwirtschaft

So manche Äcker haben ein natürliches Gefälle zu den tieferliegenden Bachläufen hin. Wird nun von den Bauern hangabwärts gepflügt, schießt das Wasser sofort Richtung Bach und lässt ihn volllaufen. Der Vorteil für den Bauern: das Feld wird schnell wieder trocken und kann wieder leicht bearbeitet werden. Die Nachteile: Die abführenden Bäche schwellen in kürzester Zeit an und werden zu reißenden Bächen, die ein Teil der Erdkrume wegspülen, und als Schlamm in tiefer gelegenen Ortsbereichen bei Überschwemmungen ablagern. Das schnell abgeführte Oberflächenwasser hat dann auch keine Chance, in die gerade in heißen Sommern strohtrockenen Böden einzudringen und im Anschluss den Pflanzen und dem Grundwasser zur Verfügung zu stehen. Weinberge werden inzwischen zu agrarischen Schwamm-Flächen umgeformt.

Kommunen

Da, wo Menschen siedeln und Gewerbe treiben, entstehen leider immer wieder kontaminierte Flächen. Meist ein Anlass zu langwierigen Diskussionen, wer die Kosten für Entsorgung und Reinigung zu tragen hat. Doch Niederschläge warten nicht, bis diese Themen endlich geklärt sind. Sie fallen nieder, lösen einen Teil der Verunreinigungen und spülen sie in die nächstgelegenen Wasserläufe oder Abwasserkanäle.

Teile diesen Beitrag mit Freunden