Wer heute auf dem Riedberg wohnt oder die A661 nutzt, ahnt meist nicht, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft einst ein echtes Bergwerk befand. Nur wenige Kilometer entfernt, in der Ebene bei Oberursel-Bommersheim – direkt auf der Strecke zwischen Frankfurt und Bad Homburg –, liegt ein fast vergessenes Relikt der regionalen Industriegeschichte: das Braunkohlebergwerk „Gnade Gottes“.
Kohleförderung im flachen Feld
Anders als die typischen Bergwerke im Mittelgebirge lag die Grube „Gnade Gottes“ nicht im Taunuskamm, sondern erstreckte sich über rund 22.000 Quadratmeter im flachen Bommersheimer Feld. Geologisch stammt die dortige Kohle aus dem Tertiär. Damals war die Region ein subtropisches Sumpfgebiet, was durch Funde von versteinerten Zimt- und Feigenblättern in den Bodenschichten belegt ist.
Gefördert wurde Braunkohle (Lignit), die von Zeitzeugen jedoch als „mulmig“ beschrieben wurde: Sie war sehr weich, fast erdig, besaß einen hohen Wassergehalt, rußte beim Verbrennen stark und hatte eine deutlich geringere Brennleistung als Steinkohle.
Zwei kurze, intensive Betriebsphasen
Der Abbau vollzog sich in zwei historisch völlig unterschiedlichen Epochen:
- Die erste Phase (1830–1840): Der Ausbau der Grube begann bereits 1829 südlich des heutigen Standorts. Investiert hatten Frankfurter Handelshäuser, allen voran der Kaufmann Gottlieb Bansa. Unter der Leitung von zwei Steigern und dem Bergwerkverwalter Panthel wurden jährlich bis zu 50.000 Zentner Kohle aus drei Schächten gefördert. Doch die Schächte, die bis zu 31 Meter tief in die Erde reichten, hatten massiv mit eindringendem Grundwasser zu kämpfen. Weil die damaligen Pumpen unzureichend waren, die Flöze nur eine Dicke von zwei Metern aufwiesen und die Kohlequalität mäßig war, wurde der Betrieb 1840 eingestellt.
- Die zweite Phase (1919–1926): Nach dem 1. Weltkrieg herrschte in Deutschland extreme Kohleknappheit und Inflation, was die Reaktivierung der Grube wirtschaftlich machte. Ab 1920 lief der Betrieb wieder an, und 1922 wurde ein weiterer Schacht abgeteuft. In den Spitzenjahren 1922/1923 wurden bis zu 12.000 Zentner Stückkohle gefördert. Sobald sich die Wirtschaft jedoch stabilisierte und hochwertigere Ruhrkohle wieder verfügbar war, wurde der Abbau unrentabel. 1926 schloss die Grube für immer.
Spurensuche in der Nachbarschaft
Heute ist das Bergwerk weitgehend aus der Landschaft verschwunden. Da die Schächte in der Ebene instabil waren, wurden sie nach der Schließung komplett verfüllt, um Einbrüche auf den landwirtschaftlichen Flächen zu verhindern. Das Gelände befindet sich heute in Privatbesitz, und die ehemaligen Betriebsgebäude wurden zu Wohnhäusern umgewandelt.
Wer aufmerksam auf dem Hölderlinpfad oder dem Regionalpark-Rundweg spazieren geht, kann jedoch noch historische Spuren entdecken:
- Eine Gedenk-Stele des Regionalparks RheinMain markiert den ungefähren Standort und erklärt die Geschichte.
- Mit geschultem Auge lassen sich auf den Feldern noch leichte Unebenheiten erahnen, wo einst die Schächte lagen.
- Ein symbolischer, aufgestellter Lore-Wagen erinnert an die Bergbau-Tradition der Region.
Frankfurt und sein Hunger nach Bodenschätzen
Das Projekt in Bommersheim war kein Einzelfall, sondern fügt sich ein in die historische Rolle Frankfurts als Bergbau-Metropole. Zwar hielt die Stadtverwaltung selten direkte Anteile an Bergwerken, doch die wohlhabende Bürgerschaft und das Patriziat investierten massiv Kapital, um Rohstoffe für den Handel zu sichern.
Hierzu gehörten Engagements im Siegerland an der Eisenerzgrube „Stahlberg“ – wovon sich sogar der Name der Frankfurter Patrizierfamilie Stalburg ableitet – sowie die Finanzierung des Kupfer- und Silberbergbaus im Spessart. Auch die Familie Bansa, eine einflussreiche Frankfurter Bankiersfamilie, versuchte mit der Grube „Gnade Gottes“ die Region unabhängig mit Energie zu versorgen. Später, ab 1881, erreichte diese Entwicklung mit der in Frankfurt gegründeten „Metallgesellschaft AG“ globale Dimensionen.
Das kleine Bergwerk vor den Toren des Riedbergs zeigt eindrucksvoll, mit welchem Pioniergeist und Risiko im 19. und frühen 20. Jahrhundert versucht wurde, die Energieversorgung der Region Frankfurt autark zu sichern.

