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Millionenförderung für Archäologie: Kultbezirk der Römerstadt NIDA wird erforscht

In einem Brunnen fand sich neben einer Statuette der Göttin Diana und einer auf den 9. September 246 n. Chr. datierten Weihinschrift für Merkur Alatheus auch ein menschliches Skelett.

Ein bedeutender Meilenstein für die hessische Archäologie ist erreicht: Für die wissenschaftliche Auswertung eines neu entdeckten römischen Heiligtums auf dem Areal der antiken Stadt NIDA (Heddernheim) haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Schweizerische Nationalfonds (SNF) Fördermittel in Höhe von mehr als einer Million Euro bewilligt. Damit erhält ein internationales Forschungsteam in den kommenden 3 Jahren die Gelegenheit, eine der herausragenden Entdeckungen im Gebiet des römischen Germaniens umfassend zu untersuchen.

Zufallsfund bei Bauarbeiten

Der zentrale Kultbezirk wurde im Zuge von Ausgrabungen des Denkmalamtes in den Jahren 2016 bis 2018 sowie 2022 entdeckt. Anlass waren die Bauarbeiten für den Neubau der „Römerstadtschule“ in der Nordweststadt. Auf einer Fläche von fast einem halben Hektar legten die Archäologen im Zentrum der antiken Stadt ein von einer Mauer umgebenes Areal frei. Dank moderner Grabungstechnik konnten die Befunde nahezu vollständig dokumentiert werden, da sie fast ohne nachrömische Störungen erhalten geblieben sind.

Bronzestatuette eines Adlers, der auf einem Blitz steht. Adler und Blitz sind Symbole für Jupiter, den höchsten römischen Gott.

Bronzestatuette eines Adlers, der auf einem Blitz steht. Adler und Blitz sind Symbole für Jupiter, den höchsten römischen Gott, Foto: Denkmalamt Stadt Frankfurt

Einzigartige architektonische Befunde

Der Kultbezirk unterscheidet sich deutlich von anderen Fundplätzen. Während sich im Zentrum einer römischen Stadt üblicherweise das Forum befindet, wurde in NIDA ein mehrphasiges Heiligtum mit verschiedenen Tempeln entdeckt – ein Befund, der im gesamten Imperium seinesgleichen sucht. Das Areal umfasst 11 Steinbauten sowie rund 70 Schächte und 10 Gruben für (rituelle) Deponierungen. Die ungewöhnlichen Gebäudegrundrisse finden in den germanischen und gallischen Provinzen keine direkten Parallelen.

Hinweise auf eine aufwendige Gestaltung liefern mehr als 5.000 Fragmente von bemaltem Wandverputz sowie bronzene Tür- und Fensterbeschläge. Die Auswertung dieser Wandmalereien soll künftig Aufschluss über Raumhöhen und die Innenausstattung der Kultbauten geben.

Zwei von über 5.000 Fragmenten bemaltem Wandverputzes aus dem Kultbezirk.

Zwei von über 5.000 Fragmenten bemaltem Wandverputzes aus dem Kultbezirk, Foto: C. Wenzel / AMF

Opfergaben und rituelle Praktiken

In den Schächten und Gruben fanden die Wissenschaftler zahlreiche Keramikgefäße sowie große Mengen an pflanzlichen und tierischen Überresten, darunter Knochen von Fischen und Vögeln. Experten vermuten hierbei Reste kultischer Mahlzeiten und Opferhandlungen. Zur detaillierten Analyse wurden 150 Proben für archäozoologische und archäobotanische Untersuchungen entnommen.

Besondere Bedeutung für das Verständnis der religiösen Praxis haben zudem 254 römische Münzen und über 70 Gewandspangen (Fibeln) aus Silber und Bronze, die als Weihe- und Votivgaben dienten. Ein außergewöhnlicher Aspekt der Fundstätte sind zudem Hinweise auf mögliche Menschenopfer.

Trotz der guten Erhaltung ist die Bestimmung der verehrten Gottheiten bislang nur eingeschränkt möglich. Inschriften und Darstellungen belegen jedoch die Verehrung von Jupiter, »Jupiter Dolichenus«, »Mercurius Alatheus«, Diana, Apollon sowie der keltisch-römischen Fruchtbarkeitsgöttin Epona. Dies lässt auf ein überregional bedeutendes Heiligtum schließen, in dem verschiedene Gottheiten nebeneinander verehrt wurden.

Fingerring aus Silber mit Gemme (2./3. Jahrhundert n. Chr.)

Fingerring aus Silber mit Gemme (2./3. Jahrhundert n. Chr.), Foto: S. Martins / AMF

Interdisziplinäre Forschung

Das länderübergreifende Projekt wird von namhaften Institutionen getragen. Neben dem Archäologischen Museum Frankfurt und dem Denkmalamt der Stadt sind die Goethe-Universität Frankfurt, die Universität Basel sowie die Römisch-Germanische Kommission (RGK) beteiligt. Ziel ist es, die rituellen Praktiken zu rekonstruieren und den Kultbezirk kulturhistorisch in die Sakrallandschaft der römischen Nordwestprovinzen einzuordnen.

Nach aktuellen Erkenntnissen wurde der Bezirk zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. angelegt und bestand mindestens bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts. NIDA entwickelte sich in dieser Zeit vom militärischen Knotenpunkt zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Limesregion, bevor die Stadt um 275/280 n. Chr. aufgegeben wurde.

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