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Frankfurter Zeitmesser im Sonnenlicht: Lokale Präzisionskunst in Kalbach ausgezeichnet

Sonnenuhr groß

In einer Zeit, in der Smartphones und digitale Armbanduhren die Tageszeit auf die Millisekunde genau angeben, mag der Blick auf eine Sonnenuhr wie eine entschleunigte Reise in die Vergangenheit wirken. Doch in Frankfurt besitzen die faszinierenden Zeitmesser am Himmelslauf nicht nur eine lange Tradition, sondern erfahren auch heute noch hohe wissenschaftliche und handwerkliche Wertschätzung.

Nationale Auszeichnung für Kalbacher Präzisionsarbeit

Aktuellen Anlass zur Freude gibt ein besonderer Erfolg im Frankfurter Norden: Thomas Meine aus Kalbach wurde von der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie (DGC) mit einem 2. Platz in einem bundesweiten Wettbewerb ausgezeichnet. Grund dafür war ein Jubiläum der Fachgesellschaft, die seit vielen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichnis bedeutender ortsfester Sonnenuhren in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg führt. Als sich die Katalognummer 20.000 näherte, rief die DGC einen Wettbewerb ins Leben, um herausragende Sonnenuhren hinsichtlich Idee, Gestaltung und handwerklicher Umsetzung zu würdigen.

Ausgezeichnet wurde die kleinere von zwei Sonnenuhren an der östlichen Hauswand von Thomas Meine im Kalbacher Grubweg. Meine entwickelte die Konstruktion gezielt für seine Hauswand, auf die die Sonne nur über einen beschränkten Zeitraum am Tag (unterschiedlich je nach Jahreszeit) scheint. Damit bewies er, dass funktionale Sonnenuhren auch an Standorten realisierbar sind, die keine ganztägige Besonnung aufweisen.

Sonnenuhr klein

© Thomas Meine

Hinter der schlichten Eleganz steckt ein enormer mathematischer Aufwand. Auf der Basis der Berechnungen wurde ein feinjustierbares Modell entwickelt und in Zusammenarbeit mit der Kalbacher »Schlosserei und Metallbau Gerhard Stamm« realisiert. Juniorchef Werner Stamm, ein erfahrener Kunstschmied, setzte die anspruchsvolle Konstruktion in Metall um. Das Werk folgt dem Prinzip „weniger ist mehr“ und zeigt, dass wissenschaftliche Präzision, handwerkliche Qualität und eine einfache Gestaltung perfekt harmonieren.

„Die Leute meinen oft, die Uhr geht falsch. Doch eine korrekt eingestellte Sonnenuhr zeigt immer die richtige Zeit an – die »Wahre Sonnenzeit«“, betont Thomas Meine schmunzelnd. Während sich moderne Uhren nach einer künstlichen Vereinbarung wie Zeitzonen und nach der Sommerzeit richten, kennt unser Zentralgestirn, die Sonne, diese Konventionen nicht.

Kupferne Äquatorialsonnenuhr am Mainufer

Die Auszeichnung in Kalbach reiht sich ein in die vielfältige Geschichte Frankfurter Sonnenuhren. Ein prägnantes Denkmal im öffentlichen Raum ist die Äquatorialsonnenuhr am Mainufer unterhalb der Schönen Aussicht. Entworfen wurde die 100 Kilogramm schwere Konstruktion aus Kupfer im Jahr 1949 von dem damals 29-jährigen Ingenieur und Uhrmachermeister Lothar M. Loske. Gebaut von den Heddernheimer Kupferwerken unter der Bauleitung der Ingenieurin Hildegard Langeloth und mit astronomischer Unterstützung ihres Ehemanns Kurt, wurde die Uhr 1951 im Nizza-Park eingeweiht. Damals galt sie als größte Äquatorialsonnenuhr der Welt.

Aufgrund von Schattenwurf durch heranwachsende Bäume zog das Kunstwerk 2004 an seinen heutigen Standort an der »Schönen Aussicht« um. Die Uhr verfügt über ein breites Skalenband mit 12 parallelen Monatsskalen, die den Zeitausgleich berücksichtigen und die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) anzeigen. Ergänzt wird die Konstruktion durch einen Weltzeitring mit den Namen von 200 Städten. Wenn Witterung und Beschädigungen im öffentlichen Raum Nachbesserungen erfordern, setzt sich das städtische Grünflächenamt regelmäßig für den Erhalt dieses technischen Kulturdenkmals ein.

Historisch: Der Pomodoro-Brunnen: Astronomie im Herzen der Stadt

Ein weiteres faszinierendes Beispiel für „gnomonische Kunst“ bildete der Pomodoro-Brunnen am Goetheplatz. Der vom Mailänder Bildhauer Giò Pomodoro geschaffene Brunnen wurde 1983 eingeweiht. Sein zentrales Element war ein 7 Meter hoher Bronze-Obelisk, der als Gnomon (Schattenwerfer) dient. Am Tag der Sommersonnenwende fiel der Schatten der Stelenspitze zum astronomischen Mittag exakt auf die Trennlinie der zwei Wasserbecken. Obwohl das Kunstwerk im urbanen Alltag oft nur als Treffpunkt genutzt wurde, verbarg sich dahinter ein durchdachtes astronomisches Bauwerk. 2004 wurde der Brunnen abgebaut. Falls im Ortsbezirk Bedarf an weiteren Sonnenuhren ist, … es wird noch ein neuer Standort für ihn gesucht.

Ob in Kalbach, am Mainufer oder in der Innenstadt: Frankfurts Sonnenuhren verbinden Ästhetik, Handwerk und Himmelsmechanik – und erinnern daran, dass Zeit im Ursprung ein Geschenk der Sonne ist.


Hintergrundinfo

Um eine korrekte Sonnenuhr für einen Standort einzurichten und Korrekturwerte im Abgleich mit der offiziellen Zeit zu ermitteln, sind zahlreiche Überlegungen, Berechnungen und viel astronomisches Wissen vonnöten:

  • Neue Sonnenuhren sollten bereits auf die Mitteleuropäische Zeit eingerichtet sein, die sich am 15. Längengrad orientiert. Frankfurt liegt zwischen dem 8. und 9. Längengrad. So wird ein sonst notwendiges Korrekturelement beim Abgleich mit der offiziellen Zeit beseitigt.
  • Neben der Tageszeitanzeige können bei Bedarf zusätzliche Marker angebracht werden, wie für die Sonnenwenden, Datumslinien etc.
  • Wir haben unterschiedliche Tageslängen (24-Stunden Perioden). Einmal ist die Geschwindigkeit, mit der die Erde die Sonne umkreist, nicht konstant. Zum anderen liegt das an der Schieflage der Erdachse. Die Mitteleuropäische Zeit arbeitet mit gemittelten Stunden, was sich insgesamt aber wieder ausgleicht. Tageskorrekturen können mittels der Zeitgleichung errechnet werden.
  • Der Standort muss berücksichtigt werden, nicht nur bei der Berechnung der Winkel für die Anzeige. Bei der Sonneneinstrahlung können im Jahresverlauf Hindernisse in den Weg kommen. Der Sonnenhöchststand (und damit auch der Verlaufsbogen) schwankt, je nach Lage, zwischen Sommer und Winter. In Frankfurt am Main bewegt sich das in einem erheblichen Umfang, zwischen 60 Grad und 16 Grad.
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