Meine ostdeutsche Geschichte

Braunsroda hieß das sachsen-anhaltinische Dorf meiner Kindheit, idyllisch und 280-Einwohner-klein. Gemeinsam mit meinem Bruder wuchs ich als Pfarrerskind dort auf. Das nahe Weimar war die Stadt, in der ich als Erwachsene einmal leben wollte. Mein Bruder und ich trafen uns nach dem Klavier- und Cellounterricht dort meist im „Goethecafé“ mit unseren Eltern, die genervt waren, weil sie mal wieder umsonst nach vielen Dingen wie Küchenmesser herumgelaufen waren. Kaffee und Kuchen besänftigte die Gemüter. Das Café gibt es noch, doch heute würde ich dieses eher denen empfehlen, die einmal versunkenen DDR-Charme atmen möchten.

Aber auch heute hätte ich gegen Weimar nichts. Es kam nur anders: Im Sommer 1989 war das Fenster zum Westen plötzlich nur noch angelehnt und ich floh über Ungarn nach Österreich, in 2,5 Stunden über die grüne Grenze. Gründe waren die Hoffnungslosigkeit, in persönlicher Freiheit leben zu können und die sich bietende Chance nutzen zu wollen.

Nach der Flucht lebte ich drei Jahre im Schwarzwald, später, nach der Wiedervereinigung, in Jena. Dort studierte ich Sozialpädagogik und lernte meinen Mann kennen. Mit ihm zog ich 2001 nach Frankfurt am Main und 2006 auf den Riedberg.

Fühle ich mich heute noch ostdeutsch oder jetzt westdeutsch? Nein, eigentlich „normal“. Ich bin Frankfurterin, Riedbergerin, ebenso wie unsere beiden hier aufgewachsenen Töchter. Doch in den Lesungen, die ich im letzten Jahr mit meinen Erzählungen „Ostdeutsche Geschichten“ hielt, lebten die Lebenserfahrungen wieder auf. Wie ging es weiter nach der Flucht, wurde ich oft gefragt. Es gäbe noch viel zu erzählen… Das Wählen der Eltern-Telefonnummer, weinend, weil ich nicht durchkam in die DDR. Die Stasi war dort zum Verhör gekommen. Man fragte: „Wo sind die Papiere und warum ist die Wohnung Ihrer Tochter so leer? Das Eigentum von Republikflüchtlingen fällt dem Arbeiter- und Bauernstaat zu!“ Die Eltern hatten die Stasi mehrfach ausgetrickst, auch alle Papiere bereits einem Cousin aus Westberlin übergeben, auf einer Transit-Autobahnraststätte.

Das alles ist zum Glück vorbei, aber ebenso manch schöne Erinnerung. Meine Kinder wachsen in Freiheit auf, doch eine andere Art Freiheit haben sie nicht mehr: Wir streiften als Kinder völlig ungehindert durch Wälder, Wiesen und Felder um unser Dorf herum. Niemand hatte Angst dabei. Kraft und Zusammenhalt gab vielen von uns der christliche Glaube, auch die Hoffnung, irgendwann der ständigen Kontrolle zu entkommen. Solch eine Hoffnung wünsche ich allen Menschen. Freiheit ist kein Traum!

Autorin: Beate Thieswald-Schechter

Ostdeutsche Geschichten

„Ostdeutsche Geschichten“ und weitere Bücher von Beate Thieswald-Schechter sind in der Buchtruhe am Riedberg, im Online-Buchhandel oder über die Homepage der Autorin www.beate-thieswaldschechter.de erhältlich.