Wissenschaft für Flüchtlinge

Am Anfang ist nur heller, grauer Dampf. Kinder versuchen, danach zu greifen. Dann gießt einer der Studenten mehr von der geheimnisvollen Flüssigkeit aus dem Behälter und bittet, Abstand zu halten. Der Stickstoff verdampft wie auf einer Herdplatte. Bläschen blubbern über den Tisch. Michael Wiebusch und Philipp Beloin vom Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) erklären, dass flüssiger Stickstoff bereits bei – 196 Grad siedet. Sie zeigen, wie man mit Hilfe von Stickstoff Magneten schweben lassen kann. Wissenschaftler hoffen, durch diesen „Supraleitungs“-Effekt eines Tages Strom billig und Ressourcen schonend über weite Strecken zu transportieren. Am Versuch aber stehen nicht Kommilitonen, sondern Flüchtlinge aus der Notunterkunft in Kalbach. Sie sind eingeladen, „Wissenschaft zum Anfassen“ zu erleben.

Über 40 Flüchtlinge kommen zu Fuß aus Kalbach

„Wir wollen spielerisch zeigen, dass Wissenschaft etwas Tolles ist“, hat Dr. Sascha Vogel, Leiter und Initiator der Ausstellung vorab erklärt. „Notfalls mit Händen und Füßen und ohne Zeitlimit“ will sein Team an sechs Versuchsstationen die Neugier der Flüchtlinge wecken und Abwechslung zum Alltag und der Enge in der Turnhalle bieten.

Man ist überrascht und begeistert, als mehr als 40 Flüchtlinge, darunter nicht wenige Kinder, zum Uni-Campus kommen. Zur Gruppe gehört die 13-jährige Saba. Sie ist mit ihren Eltern und den zwei kleineren Brüdern aus Afghanistan geflohen. Mutter Shakila (29) und sie hatten schon in den Herbstferien an einem Sprachkurs des Familienzentrums Billabong für Frauen und Mädchen teilgenommen. Beide sprechen Englisch, obwohl die Mutter nach eigenen Aussagen „nie eine Schule besucht“ hat. Saba versteht inzwischen auch etwas Deutsch, versucht möglichst oft in der neuen Sprache zu antworten. „Ich habe das aus Büchern gelernt“, erzählt sie, während die Dame neben ihr Auskunft darüber gibt, dass in der Turnhalle am Martinszehnten nur zwischen 10 und 11 Uhr für mehrheitlich afghanische Flüchtlinge und zwischen 11 und 12 Uhr für Syrer Deutschunterricht angeboten werden kann.

Der spektakuläre Schokokuss-Versuch

Die Ethnologin Sabine Kalinock ist für die Diakonie tätig. Sie beherrscht Arabisch und Persisch und hilft beim Übersetzen. Etwa beim spektakulären Schokokuss-Versuch, wo die Bedeutung von Vakuum erklärt werden soll. Wird nämlich der Glasglocke mit dem Schokokuss die Luft entzogen, bläht sich der süße Schaum auf. Innen drinnen sind Luftbläschen. Fehlt der Druck von außen, wird der Innendruck immer größer. „Wer Dreck macht, muss aufräumen“, hatte Sascha Vogel als Parole ausgegeben. Sprich: Die Studenten und Doktoranten verzichten lieber darauf, den Schokokuss zum Explodieren zu bringen. Danach sind noch Schaumküsse übrig. Zum Vernaschen.

DSC_0168xx
Vorsicht „Explosionsgefahr“: Der Schokokuss im Vakuum gefiel vielen Flüchtlingen am besten

Dr. Vogel und sein Team haben das Projekt bereits in Schulen, bei Veranstaltungen des Landes Hessen und im Bundesrat vorgestellt. Teil des Teams ist auch ein Mathe- und Physikstudent, der in Syrien geboren und aufgewachsen ist. Er erklärt die Versuche in seiner Muttersprache. Für alle, die den englischen Erklärungen der anderen Nachwuchswissenschaftler nicht ganz folgen können.

Das Mädchen Saba braucht kaum Übersetzungshilfe. Sie berichtet, dass sie Ärztin werden will. Ihre Mutter möchte Schneiderin lernen, und Mehran, ihr zwölfjähriger Bruder, will „Ingenieur werden“.

Sprachkurse beim Familienzentrum Billabong

Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass die derzeit rund 130 Flüchtlinge die Notunterkunft in Kalbach demnächst verlassen und neu eingereiste Flüchtlinge an den Martinszehnten kommen. Auch am Riedberg ist man darauf vorbereitet. „Wir werden ab Mitte Januar wieder einen Sprachkurs machen“, erklärt Anja Hohmann vom Familienzentrum Billabong. Immer montags und donnerstags wird ein pensionierter Sonderschullehrer in den Räumen der Riedberg-Information Deutschunterricht geben.

Sabas Familie weiß nicht, was auf die Notunterkunft folgt. Mutter und Tochter möchten nicht fotografiert werden. Wie beim ersten Zusammentreffen im Herbst. Aus Glaubensgründen und Scheu. Anders als vor ein paar Wochen aber wollen sie sprechen. Die 13-jährige Saba sagt, dass sie noch viel mehr lernen will, und ihre Familie hofft, Asyl und Arbeit zu bekommen.

Hoffen auf Asyl

Derzeit erhalten nur 43 Prozent der ankommenden Afghanen in Deutschland Asyl. Trotz des Wiedererstarkens der Taliban wird über verstärkte Abschiebungen diskutiert. Saba, das Mädchen, das Ärztin werden möchte, will nicht über Politik sprechen. Sie möchte weiter, zu einem der Versuche, die sie noch nicht gesehen hat.

(Text/ Fotos: cd)