Eine magische Nacht …

Ob Rom, Mailand oder London…

Es ist gerade mal 2.42 Uhr, kalt, regnerisch und dunkel. Keine Zeit, um aufzustehen – eigentlich. Aber heute wird es eine magische Nacht, eine magische italienische Nacht geben. Erinnerungen werden wach an die WM 1990: die Vorrundenspiele gegen Jugoslawien und die Vereinigte Arabische Emirate im legendären Giuseppe-Meazza-Stadion im Mailänder Stadtteil San Siro. Alleine schon diese Worte erzeugen einen leichten Schauer auf dem Rücken. Eintracht-Legende Uwe Bein erzielte damals das 4:1 gegen die VAE. Nun sollte es also selbst nach Mailand gehen, nach San Siro, ins Giuseppe Meazza Stadion, mit Eintracht Frankfurt und 15.000 Adlern. Das kann einem schon mal den Atem und auch den Schlaf rauben.

671km oder 6h 37min…

mehr oder weniger. Einige sind bereits unterwegs. Mit dem Bus. Mit der Bahn. Mit dem Flieger. Oder eben selbstorganisiert mit dem Auto. Apfelhaltige Getränke und Nüsschen für den Elektrolythaushalt sind ausreichend vorhanden. Optimistisch und gut gelaunt machen wir uns auf die Reise. Über die A67 und A5 geht es Richtung Süden. Auch die Musik tönt in den Farben Schwarz-Weiss-Rot aus den Lautsprechern. Die Vorfreude steigt. Wir sind nicht die einzigen. An jeder Haltestelle, Rastplatz und auf der Piste trifft man Adler. Leicht zu erkennen am Adler auf dem Auto oder den wehenden Schals aus den Fenstern im Wind.

Mit dem 0:0 aus dem Hinspiel ist die Ausgangslage mehr als gut und alles sind wir optimistisch. Auch wenn Rebic noch nicht fit ist: mit Jovic, Haller, Gacinovic, Pacienca und auch Kostic haben wir genügend Alternativen um das entscheidende Tor zu machen. Die Abwehr mit unserem Samurai Hasebe und den Abwehrrecken Hinteregger, Rode und N’Dicka wird schon dafür sorgen, dass hinten die Null steht.

Nach gefühlten 23 Tunneln sind wir auf italienischem Boden und geniessen den ersten caffè. Bald sind wir auch an unserer Herberge angekommen. Es gab noch etwas Gestrubbel mit der Empfangschefin, aber auch dieses kleine Problemchen konnte kreativ gelöst werden. Direkt nebenan stärkten wir uns noch mit Pizza, bevor es per U-Bahn zum Domplatz ging. Eine sehr imposante Kulisse. Eine würdige Kulisse. Und der herrliche Platz war schon gut gefüllt mit Eintracht-Fans. Man traf den einen oder anderen Bekannten. Gude hier und Gude da. Erinnerungen an Bordeaux wurden ausgetauscht. Oder Charkiw oder Nikosia oder Rom. Aber das Team von 2013 in Bordeaux konnte man mit dem aktuellen kaum vergleichen. Eine Entwicklung, die einem schon Angst machen kann. Damals schon nur knapp dem Abstieg entkommen, kurzes Gastspiel von den Trainern Schaaf und Veh reloaded, als wir endgültig wieder am Abgrund standen.

Seit Kovac uns gerettet hat…

… in der Relegation gegen Nürnberg und zweimal ins Pokalfinale nach Berlin geführt hat, inklusive dem legendären und völlig unerwarteten Cupgewinn 2018 geht es nur noch aufwärts. Über die beiden Rückrunden in der Bundesliga breiten wir lieber den Mantel des Schweigens. Nun aber mit Adi Hütter ein Trainer von ganz anderem Format. Mit seinem Team hat er trotz der harten Abgänger von Prince Boateng, Wolf, Salcedo, Hradecky eine gefestigte und schlagkräftige Truppe geformt.

Und oh Wunder: es macht Spaß, der Eintracht beim Kicken zuzusehen. Unheimlich und ungewohnt. Und auch im Management ist Ruhe eingekehrt. Es wird gearbeitet und nicht gebabbelt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: ungeschlagen durch die Gruppenphase der Europa League mit so Hochkarätern wie Lazio Rom, Apollon Limassol und Olympique Marseille. In der Zwischenrunde ungeschlagen den Champions League Teilnehmer Shaktar Donezk besiegt. Und auf einmal ist die Eintracht der einzige verbliebene Verein aus der Bundesliga im europäischen Wettbewerb. Aktuell steht auch ein ausgezeichneter 5ter Platz in der Bundesliga mit Kontakt nach oben. Unheimlich. Was ist nur aus der launischen Diva vom Main geworden?

Schneller als gedacht…

geht es mit dem grossen Fan-Marsch in Richtung San Siro, dem Mailänder Stadtteil, der dem Stadion seinen alten Namen geschenkt hat, bevor es nach Giuseppe Meazza benannt wurde, der für beide grosse Mailänder Clubs gespielt hat: AC und Inter. Entspannt und gut gelaunt machen sich mehr als 8.000 Eintracht Fans auf den 10-km-Marsch durch die Stadt. Alles friedlich, alles freundlich. Kinder stehen auf der Strasse und winken, bekommen Aufkleber geschenkt. Kaum Polizei, keine Aggression. Schöne Fangesänge, ein paar Fahnen – so muss Fussball sein.

Und da steht das legendäre Stadion vor einem: groß und protzig in die Landschaft geklotzt. Massive Säulen an den Ecken, die unendlichen Windungen zum Aufstieg wird der eine oder andere noch verfluchen. Die Eingangskontrollen gingen schnell und einfach über die Bühne. Im Inneren dann aber auch schnell Ernüchterung: es sieht aus wie in einer Tropfsteinhöhle. Die Eintracht Anhänger sind unterteilt in einen roten und blauen Bereich, der äußerst streng geteilt bleiben soll. Keine Chance also, sich mit den Freunden und Bekannten nochmal zu treffen. Das „Essen“ und alkoholbefreite „Bier“ ist wenig dem Land der Essenskultur würdig. Mangels Alternative bleibt einem aber nichts anderes übrig.

Dann der erste Blick von den Oberrängen hinab…

…ins weite weite Tal bis zum Rasen: man wird schon ehrfürchtig.  Die Stunden bis zum Anpfiff ziehen sich etwas. Die Sitzschalen mit Absperrgatter sind auch etwas eng und unbequem. So steht dann auch der komplette rote Bereich als die ersten Spieler sich auf dem heiligen Rasen zeigen. Die Stimmung ist weiter ausgezeichnet und die Lieder werden lauter und wir stimmen uns auf diese magische Nacht ein. So langsam füllen sich auch die grünen Sitzschalen der Unterstützer von Inter. Nahezu der komplette Mittelrang bleibt leider leer. Ein 80.000 Zuschauer fassendes Stadion ist gerade mal zu 2/3 gefüllt. Selbst bei den großen Derbies zwischen Inter und AC Milan bleiben viel Plätze leer und die Stadt überlegt, ein neues kleineres Stadion zu bauen.

Die Oberränge sind durch Frankfurter gefüllt und im Stadion hat man stimmungstechnisch auch klar die Oberhand gegenüber den Italienern. Nach dem üblichen UEFA Marketing Schnick-Schnack geht es los und der Ball rollt endlich. Schnell wird klar, dass die magische SGE hier nicht auf mauern spielt, sondern frech und mit Druck nach vorne. Haller auch gleich mit einem Kracher an die Latte, nachdem Kostic den Torwart abgeschossen hatte. Hier ist Musik drin, der Traum vom Viertelfinale greifbar. Die Fans im Oberrang peitschen das Team nach vorne.

Dann ist es soweit: Luka Jovic …

…setzt sich physisch aber fair gegen seinen Gegenspieler durch und lupft elegant über den Torwart: 0:1! Für Eintracht Frankfurt! In San Siro! Der Oberrang eskaliert!  Mindestens 85 Minuten noch zu spielen. Das kann ein Nervenkrieg werden. Denkste! Die Eintracht spielt weiter frech auf und hat den Gegner im Griff. Frühes Pressing. Gutes Stellungsspiel und wenn nötig wird die gute alte Grätsche ausgefahren. Mit etwas Glück wäre noch ein zweiter Treffer in der ersten Hälfte drin gewesen, von den Mailändern sah man vor dem eigenen Tor wenig und wenn, war Kevin Trapp immer zur Stelle.

In der zweiten Hälfte ist die SGE auch weiter am Drücker, teilweise Ungenauigkeiten oder wieder etwas Glück fehlten aber zum 0:2. Ein paar ruppigere Fouls an Hasebe und Gacinovic sind auch zu beklagen. Beide opfern sich aber weiter fürs Team auf. Genauso wie Rode – ein klasse Abräumer vor der Abwehr. Die Zeit läuft ab für die Mailänder – weiterhin wenig inspiriert, was hier geboten wird. Was die Eintracht vorne abliefert, lässt viele Fans verzweifeln: Chance über Chance ohne Wirkungstreffer. Alleine vor dem Tor wieder und wieder, Flugkopfball einsam vor dem Torhüter, alles ohne Ergebnis.

Wird es sich rächen?…

6 Minuten Nachspielzeit. Die Sekunden dehnen sich zur Ewigkeit. Die SGE spielt aber souverän weiter, ballsicher, passsicher. Und am Ende steht der Auswärtssieg und die Adler ziehen in das Viertelfinale im Europapokal ein. Der Traum lebt weiter!

Nun aber zu den weniger schönen Dingen dieser Nacht. Es gab wieder irgendwelche Vollidioten im Oberrang hinter dem Tor, die unbedingt Leuchtspurmunition abschießen mussten. Und nicht nur die eine oder Fackel im Block abzubrennen. Nein, es wurde auf das Dach geschossen und von dort prallten zweimal das brennende Material ab und fiel in den dicht besetzten Unterrang. Nach dem Spiel wurde ein weiteres Geschoss auf den Rasen abgefeuert und landete zwischen zwei Spielern.

Die Reaktion auf den Rängen war entsprechend…

Zuerst gab es nur lautstark die Frage „Und Ihr wollt Eintracht Frankfurt sein?“. Nach dem zweiten Abschuss aber: „Ihr seid scheiße wie der OFC!“. Eine sehr deutliche Aussage, wenn man etwas mit der Fankultur bei der Eintracht bewandert ist. Es hätte eine magische Nacht werden können, so wurde aber leider die Freude über den Sieg und das Weiterkommen reichlich getrübt.

Bestimmendes Thema auf der Rückfahrt war dann leider auch die zu erwartende Sperre in der nächsten Runde. Wobei mit Benfica Lissabon ein schönes und attraktives Los wartet. Wenn die Eintracht weiter so aufspielt, darf man schon etwas von einer weiteren Auswärtsfahrt nach London zu Chelsea oder nach Prag träumen. Der eine oder andere Optimist hat auch bereits Karten für das Finale in Baku bestellt. Den Fans und dieser aussergewöhnlichen Mannschaft der SGE wäre es zu gönnen!

Eine magische Reise in Bildern

671 Kilometer Richtung Süden, Schnee am Gotthard-Pass inklusive..

Die wunderbare Stadt Mailand…

….war schon fest in Eintracht-Hand

Vorher gab’s natürlich noch ’ne Stärkung, wie es sich für Bella Italia gehört

Das legendäre Giuseppe-Meazza-Stadion von außen…

…noch schöner natürlich von innen

Und dann der Beginn einer magischen Nacht!!!

Text & Fotos: Alexander Markert