Ein Abend, der die Seele berührt

Wie verbindet man Familien und Beruf? Wie verarbeitet man den Verlust eines Kindes? Die Berliner Autorin Karin Nohr entführt uns Leser in ihrem Roman „Stummer Wechsel“ in ein Milieu von Chor und Schule, in Themen um Familie, Partnerschaft und Gefühle. Es ist ein Buch, das Eindruck hinterlässt und zum Nachdenken bewegt. Ein literarischer Abend, der die Seele berührt.

Am Donnerstag, 28. Februar, um 19 Uhr laden die Schriftstellerin Karin Nohr, der Frankfurter Grössenwahn-Verlag und das Familienzentrum Billabong in die Graf-von Stauffenberg-Allee 46b zu Lesung, Gesprächen, Wein und Häppchen.

Zu den Gesprächen wird sich auch Mal- und Kunsttherapeutin Harriet Papastephanou gesellen. Der Eintritt ist frei. Reservierungen sind erbeten unter info@grössenwahn-verlag.de

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Moderatorin Monika Nowicka hat für MAINRiedberg schon vorab mit Autorin und Psychoanalytikerin Karin Nohr gesprochen. Lesen Sie jetzt, warum Sie diesen literarischen Abend nicht verpassen sollten!

Liebe Karin, Du kommst nach Frankfurt und wirst Dein neues Buch „Stummer Wechsel“ vorstellen. Der Titel erscheint zunächst rätselhaft. Es handelt sich hier nämlich um einen Fachbegriff aus der Musik. Was steckt dahinter?

Karin Nohr: Ich habe vor einiger Zeit mit dem Klavierspielen begonnen. Als meine Lehrerin mir sagte: „Hier musst du einen „stummen Wechsel“ machen“ (unauffällig und flink auf einer Taste den Finger wechseln, um den nächsten Ton zu erreichen), hat mich der Ausdruck sofort beeindruckt. In meinem Roman bezieht er sich auf meine Buchhelden, wie sie von einem Menschen zum anderen wechseln, ausgelöst durch Enttäuschungen, Kränkungen usw. Dem Leser erschließt es sich unmittelbar, aber die nach einem „stummen Wechsel“ zurückgelassenen Menschen stehen vor einem Rätsel.

Du hast einen sehr spannenden beruflichen Werdegang. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und Psychologie gingst Du verschiedenen Lehrtätigkeiten nach und hast dann lange Jahre in eigener Praxis auch als Psychoanalytikerin gearbeitet. Du hast darin Erfolg gehabt und sogar ein Lehrbuch veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass Du angefangen hast, Bücher zu schreiben?

Karin Nohr: Ich habe immer gern geschrieben und schon als Schülerin einmal einen kleinen Schreibwettbewerb gewonnen. Dass ich mich beruflich erst einmal anders orientiert habe, hat viele Gründe, vor allem mein Bedürfnis nach tieferem Menschenverständnis. Ich habe gern als Therapeutin gearbeitet und da berührende Erfahrungen gesammelt auch über mich selbst! Die Leidenschaft für Literatur und Schreiben lag immer wach in mir, und nach einem lebensverändernden Ereignis habe ich gemerkt, dass es jetzt dran ist, dem viel Raum zu geben.

In Deinem Buch „Stummer Wechsel“ geht es nicht zuletzt um Trauer und psychische Traumata. Zudem hast Du Dich mit dem Thema Psychoanalyse und Kunst auseinandergesetzt. Auch Harriet Papastefanou, die im Familienzentrum Billabong Mal- und Kunsttherapie anbietet, wird nächsten Donnerstag an der Diskussion teilnehmen. Einer Deiner Figuren verarbeitet so auch seinen tiefen Verlustschmerz. Denkst Du, dass Kunst für die Seele heilsam sein kann?

Karin Nohr: Intensive künstlerische Arbeit kann einem Menschen, der durch furchtbare Beziehungserfahrungen oder schlimme schicksalhafte Ereignisse geschädigt wurde, sehr hilfreich sein. Alle Gefühle in uns drängen nach Ausdruck, nicht nur Liebe und Freude, auch Schmerz und Trauer wollen „gehört“ werden. Es muss aber eine Freude am Tüfteln an Texten (oder am Steine Bearbeiten oder Musizieren) vorhanden sein oder entwickelt werden – erst durch den Willen zum immer besseren, passenden Ausdruck entsteht „Kunst“.

Hilft Dir das Schreiben mit Deinen eigene Krisen und Konflikten besser umzugehen?

Karin Nohr: Auf jeden Fall. Einmal das Tagebuchschreiben, das ich seit meiner Jugend praktiziere. Aber auch das Romanschreiben. Damit baue ich mir eine Art „Welt“ auf, in der ich gern bin, auch wenn sie mich manchmal nervt, weil mir das, was ich am Vortrag geschrieben habe, am nächsten nicht gefällt. Mit meinen Romanhelden verbinden mich ähnliche Gefühle wie mit „richtigen“ Menschen, die man vielleicht nicht so oft sieht, die einen aber innerlich begleiten.

In dem Buch ist keiner der Protagonisten imstande, eine intakte Beziehung zu führen. In der heutigen Zeit mit seiner Schnelllebigkeit und virtuellen Kommunikation scheint es auch problematisch, echte dauerhafte Beziehungen einzugehen. Glaubst Du, die verzerrte oder zu flüchtige Wahrnehmung des Anderen ist ein aktuelles Thema und hast es deshalb zu einem der Aspekte Deines Buches ausgewählt?

Karin Nohr: Ja, es ist ein aktuelles Thema. Aber die Aktualität war nicht der Grund, warum ich das Buch geschrieben habe. Verkennungen zwischen Menschen hat es schon immer gegeben, und sie tun immer weh.

Glaubst Du, der Leser kann aus den Fehlern der Protagonisten lernen?

Karin Nohr: Vielleicht erkennt sich der eine oder die andere wieder wie in einem Spiegel und schmunzelt oder erschrickt vielleicht auch. Ob das schon einen Lernvorgang auslöst, hängt sicher sehr vom Einzelnen ab.

Was denkst Du über Frauenfreundschaften? Viele sprechen von Konkurrenz, doch sie können uns auch unheimlich viel Halt geben. Glaubst Du an Frauensolidarität und hast du selber eine „beste Freundin“?

Karin Nohr: Frauenfreundschaften sind sehr wichtig für mich. Ich hatte immer gute Freundinnen. Der Austausch kann sehr stützend sein, aufbauen und sehr tief gehen, weil man Freud und Leid teilt. Ich sehe menschliche Beziehungen jedoch grundsätzlich als „gefährdet“ an, und zwar durch unsere unterschiedlichen Bedürfnisse, die sehr drängend werden können. Denke an den typischen Fall: Die eine Freundin redet wie ein Wasserfall, fragt aber selten, wie es der anderen geht. Das hält die „Zugetextete“ nur eine Weile aus. Wenn das nicht durch Gespräche zurechtgerückt werden kann, weil eben das Entlastungsbedürfnis der „Redseligen“ alles überwuchert, dann wird es schwierig. Dies ist nur ein Beispiel von tausenden!

Neben der Lesung am Riedberg wird es zwei weitere Veranstaltungen mit der Autorin in Frankfurt geben

Am 1. März wird es eine weiter musikalische Lesung im Café Mutz in Niederursel geben, mit Klavierbegleitung von Anna Köbrich.  Du hast auch eine musikalische Ausbildung. Was berührt Dich mehr – Wort oder Musik?

Karin Nohr: Ich habe früher viel im Chor gesungen und erinnere mich gern an die gemeinsamen Erfahrungen, auch auf Chorreisen. Zusammen einen Klang zu erzeugen ist vitalisierend und macht Freude. In meiner jetzigen Lebensphase steht für mich die Verbindung Musik-Wort ganz im Vordergrund. Die Individualisierung und Einzigartigkeit etwa der Schubert- Vertonung eines Goethe-Gedichts. Ich bin nur ein Laie, aber versuche mich im Rahmen meiner Möglichkeiten in der hohen Kunst des Liedgesangs, die einen auch in einen anderen Raum trägt.

Am 8. März ist Weltfrauentag. Bei der Lesung in der Frankfurter Dankbar am 3.3 wollen wir uns dem Thema „Frauen“ widmen. Die drei Protagonistinnen in Deinem Buch scheinen nicht wirklich glücklich zu sein. Wir erleben gescheiterte Liebesbeziehungen, keine Balance zwischen Beruf und Familie, und Selbstzweifel und Selbstentwertung. Welches Frauenbild wird in Deinem Buch propagiert?

Karin Nohr: Melissa ist eine „Powerfrau“ in hoher Position, überverantwortlich, kreativ, klug, einsatzfreudig, stark. Ich versuche, auf die Bedürfnisse und Wünsche zu schauen, die sie in dieser Position und Berufsschiene verdrängen muss. Melissa hat früh für sich selbst sorgen müssen, da liegen ihr so ein Berufsweg und Verhalten nahe. Auf keinen Fall will sie in die abhängige Position ihrer eigenen Mutter gelangen! Ein Mensch kann aber mehr entwickeln, als ihm in die Wiege gelegt wurde. Nur muss man hierauf (manchmal schmerzhaft) gestoßen werden. Das „Funktionieren“ ist Melissa vertraut, anderes nicht. Wie entdeckt man es? Wer hat überhaupt die Chance dazu? Das sind Themen, die mich bewegen.

Dein Buch ist in dem Frankfurter Grössenwahn-Verlag erschienen. Du selbst lebst in Berlin. Was verbindet Dich sonst noch mit Frankfurt? Warum sollte man zu Deinen Lesungen in Frankfurt kommen?

Karin Nohr: Ich freue mich über jeden und jede, der oder die kommt, da ich ein neugieriger Mensch bin und immer überrascht über die Resonanz und den Austausch nach der Lesung…

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Interview: Monika Nowicka

Flyer: Veranstalter