Das Konzept
der neuen IGS

In der Aula der Grundschule Riedberg gibt es nur noch wenige freie Plätze. Es ist Freitagabend, Ortsbeiratssitzung. Vorne am Podium nimmt Dr. Susanne Gölitzer mit anderen Vertretern der Planungsgruppe der IGS Kalbach-Riedberg Platz. Sie ist Leiterin der Gruppe, möchte Konzept und Ziele der neuen Gesamtschule im Stadtteil erläutern und auch dafür werden. Sie spricht von einer „ganz besonderen Schule, wie sie meines Wissens in ganz Hessen nicht existiert“. Hier werden Kinder mit Gymnasial-, Realschul- und Hauptschulempfehlung gemeinsam lernen, bis zu einem Viertel davon Kinder mit Sprachheilbedarf. Mit einem Konzept, das sich nicht an traditionellen Schulformen, sondern an teils ausgezeichneten Gesamtschulen orientiert. Das bietet in der Bürgerfragestunde Diskussionsstoff. Provokante Fragen inklusive.

Ein Blick auf die Fakten: Zum Schuljahr 2017/ 2018 wird die IGS in einem Provisorium in der Hermann-Rudloff-Allee im Quartier Westflügel starten. Die Holzmodule stehen schon. Freigegeben sind sie noch nicht. Ziel ist es, „eine kleine, sehr feine pädagogische Schule zu entwickeln“. Es wird keine Sitzenbleiben und keine äußere Trennung von Leistungsgruppen geben. Die Kinder sollen je nach Projekt, Fachbereich und Können „unterschiedliche Leistungspakete“ erhalten. Die IGS ist als Ganztagsschule mit dem Profil Sprache und Kommunikation und als so genannte „Teamschule“ geplant. Dr. Susanne Gölitzer erlärt: „Das heißt unter anderem, dass zwei bis drei Lehrer rund 100 Schüler über mehrere Jahre begleiten.“ Möglichst von der 5. bis zur 10. Klasse. Zudem arbeiten immer mehrere Lehrkräfte unterschiedlicher Lehrämter in einem Team zusammen.

Die „Lernfelder“ sind Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie), Gesellschaftslehre (Geschichte, Geographie und Sozialkunde) und Ästhetische Bildung (Kunst, Musik, Darstellendes Spiel und Werken). Als Fremdsprachen werden Englisch, Französisch und eine dritte Sprache unterrichtet, die noch in Zusammenarbeit mit der Teamgruppe und interessierten Eltern festgelegt wird. Hinzu kommt der Grundpfeiler Projektarbeit und Berufsorientierung. Plus der Ansatz, dass die Kinder lernen sollen, Verantwortung zu übernehmen. Die Besonderheit ist, dass die Schule inklusiv arbeitet, gezielt Kinder mit Sprachheilbedarf aufnimmt und mit Unterstützung von Förderschullehrern unterrichtet.

Wird die IGS die Schulsituation im Norden entlasten?

Kinder mit diesem Förderbedarf gingen bisher in die Weißfrauenschule. Deshalb bringt auch Schulleiterin Jutta Pillong in der Planungsgruppe ihre Erfahrungen ein. Inklusion und Anspruch sind Grund dafür, dass nur rund 108 Kinder pro Jahrgang aufgenommen werden. Nicht nur aus Platzgründen. Denn nur so, betonen die Experten, sei das anspruchsvolle Konzept zu verwirklichen.

Derzeit gibt es 1100 Grundschüler am Riedberg. Etwa 270 Kinder nehmen die Grundschulen jedes Jahr auf. Trotz Gymnasium Riedberg und der neuen IGS wird man den Platzbedarf für weiterführende Schulen im Stadtteil auch künftig nicht decken können. Eltern sprechen am Freitag von „schlaflosen Nächten“ beim Thema Übertritt. Vertreter der Stadt geben zu bedenken: Man müsse gesamtstädtisch denken. In der Bildungsregion Nord, zu er auch der Riedberg gehört, werden bis 2018 beispielsweise etwa 330 neue Gymnasialplätze geschaffen.

„Wird mein Kind zum Versuchskaninchen?“

Bezüglich der neuen IGS gibt es auch provokante Fragen. Etwa, als bemerkt wird, Eltern könnten sich die Frage stellen: „Wird mein Kind zum Versuchskaninchen?“ Dr. Susanne Gölitzer antwortet ruhig. Sie verweist darauf, dass man sich an prämierten Schulkonzepten orientiere, die beteiligten Lehrer der Planungsgruppe viele Jahre Berufserfahrung hätten und bereits in der inklusiven Beschulung tätig sind. „Hier sitzen nicht junge Lehrkräfte, die ihren pädagogischen Traum verwirklichen wollen.“ Die Erfahrung habe gezeigt, dass rund 70 Prozent der Schüler einer integrativen Gesamtschule die Oberstufe erreichen können. „Glauben Sie mir, wir kriegen das hin.“

Wie lange bleibt die Schule ein Provisorium ?

Die Anlage im Westflügel ist für zwei Jahre, also für zwei Jahrgangsstufen angelegt. Sie ist noch um Holzmodule für einen weiteren Jahrgang erweiterbar. Allerdings ist fraglich, ob bis 2020 die neue Gymnasiale Oberstufe umgezogen ist und das neue Schulgebäude in der Gräfin-Dönhoff-Straße (Nähe U-Bahn-Station Riedberg) schon bezugsfertig ist. Ein Architektur-Entwurf ist bereits ausgewählt. Jetzt, so die anwesenden Experten der Stadt, befinde man sich in der „Feinjustierung“.

Fest steht, dass in einem ersten Bauabschnitt und schon früher als das übrige Gebäude die am Riedberg dringend benötigte Turnhalle gebaut werden könnte. Was direkt zur Frage führt: Wann und wo haben die Gesamtschüler bis dahin Sport? Wohl teilweise in der Sporthalle am Martinszehnten, im Sommer auf dem Sportplatz an der Altenhöferallee und möglichst auch in den Hallen der übrigen Schulen. Allerdings sind diese bereits jetzt schon ausgelastet.

Bekommt die Gesamtschule doch noch eine Oberstufe?

Der Ortsbeirat zeigte sich „sehr enttäuscht“, dass man bislang in die Planungen so wenig einbezogen wurde. So hatte man in der November-Sitzung einstimmig gefordert, dass die Erweiterung der Gesamtschule um eine Oberstufe geprüft werden solle. Allerdings sprach Frankfurts neue Dezernentin für Integration und Bildung, Sylvia Weber, im MAINRiedberg-Interview bereits im Oktober von der Erweiterung als „Option“.

Zurück zur Diskussion am Freitag. Um 21.40 Uhr verabschiedete sich Dr. Susanne Gölitzer. Nicht ohne nochmals zu betonen, dass „bei uns 70 Prozent der Schüler die Oberstufe machen“. Auf der Homepage der neuen IGS steht: „Wir machen sicher einiges anders, als Sie das vielleicht aus Ihrer Schulzeit kennen.“ Dann folgt der Satz: „Wir freuen uns darüber, wenn Sie nachfragen!“

Lesen Sie das neue MAINRiedberg-Magazin – dort finden Sie ein Interview mit Bildungsdezernentin Sylvia Weber unter anderem zu diesem Thema

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Ein Tag der Offenen Tür an der neuen IGS findet voraussichtlich im Februar oder März 2017 statt.


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(Text & Fotos: cd)