Chancentod & Fußballgott

Es ist Freitag, 20 Uhr, in Frankfurt-Riedberg. Die Bundesliga? Kickt doch so richtig erst am Samstag! Oder besser gesagt: ab Herbst, in der neuen Saison. Die Herren mit Kampfnamen „Kugelblitz“, „Chancentod“, „Torfabrik“ oder „Zerberus“ aber tun schon jetzt alles dafür, dass das Runde ins Eckige kracht. Ein Steilpass nach halblinks. Ein Spurt. Ein kurzer Blick in die Mitte. Dann der Pass zum freien Mitspieler. Direktannahme und platzierter Schuss ins rechte, untere Eck. Das Tor zählt, der Spielstand ist eher Nebensache. Der Torjubel stimmt. Wer sagt denn, dass Fußball im Halbdunkel und mit Spielern, die überwiegend die 40 überschritten haben und teils schon etwas „Daddy-Body“ mit sich mitschleppen, nicht unterhaltsam oder schlicht für alle Mitspieler ein Highlight der Woche sein kann?

Meist spielen sieben gegen sieben Mann. Oder acht gegen acht. Auf dem Kleinfeld, also der Hälfte des normalen Spielfeldes. Nebenan laufen die Rasensprenger und schicken immer mal wieder einen Wasserstrahl rüber. Kalter Wind weht vom Taunus herunter. Ein leicht verletzter Mitspieler, der nur zum Zugucken vorbeigekommen ist, erzählt, dass immer mehr Fußballbegeisterte anklopfen. Auch der Auftritt der Herren wird zunehmend professioneller. Gerade erst wurden die neuen blauen Trikots mit dem Schriftzug „Zum Lahmen Esel“ verteilt. „Passt doch prima zu uns, oder?“, bemerkt Vereinspräsident Alex Markert süffisant. Er hat den Kontakt zum gleichnamigen Niederurseler Apfelwein-Lokal vermittelt, zumal Wirt Thomas auch am Riedberg wohnt. Markert selbst hat sich den Rücken mit dem Zusatz „Fußballgott“ beflocken lassen und spielt so natürlich mit seinen Initialen und Eintracht-Ikone Alex Meier Doppelpass.

Die „Alten Herren“ des SC Riedberg sehen sich nicht als alte Garde des noch jungen Vereins, mehr als Traditionself. Es ist für sie mehr als ein bisschen Sport. Schon als Kinder haben sie mit ihren Lieblingsclubs mitgelitten und sind dem Ball hinterhergejagt, auf Bolzplätzen, nicht auf bestem Kunstrasen wie hier. Freundschaften und viele Jahre vergingen, das Faible für Fußball blieb. Jetzt sind sie Mikrobiologen, Lehrer, Banker oder Selbständige, die sich auch nach 90 Minuten noch etwas zu sagen haben, ein Bierchen gemeinsam trinken oder am Vatertag – bei einem kurzfristig einberufenen „Sondertraining“ – erst ge-pflegt kicken und dann mindestens so gepflegt grillen und feiern. Es ist vielleicht genau das, was in einem großen Neubaugebiet Heimat schafft. (Auch wenn das sicher keiner so poetisch formulieren würde.)

Übrigens spielt bisweilen auch ein Sportreporter des Hessischen Rundfunks mit. Der wird genauso abgegrätscht. Ebenso wie „Fußballgott“ und Vereinspräsident Alex.

Auch die Fan-Liebe zur Eintracht verbindet. Die meisten der Herren jedenfalls. Egal, ob man(n) aus Karlsruhe, Kalbach, aus Nahost oder aus Frankfurt-Hausen stammt. Beim Heimspiel geht’s mit Dauerkarte ins Stadion. Bei Auswärtsspielen trifft man sich vorm Fernseher. Notgedrungen, „weil uns hier immer noch eine richtige Kneipe fehlt“. Beispielsweise beim 0:2 kurz vor Ende der Saison gegen Dortmund, das ein ziemlich trostloses Gekicke war. Europa rückte da bereits in weite Ferne. Der Ärger darüber war erstaunlich schnell verflogen. Der Nachwuchs, ein Mädchen inklusive, saß mit Chips und roten Backen auf ei-ner Familien-Couch, während die Väter fachsimpelten, vieles bes-ser wussten und nebenbei vom Stress der Woche entspannten. Gemeinsam fühlt sich so eine Niederlage vermutlich auch nur halb so schlimm an. Eine „Spielerfrau“ sagt mit Blick auf den familiären Terminkalender nur: „Glaub’ mir, die Alten Herren, die sind ihm heilig.”      C. Detsch

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