Über 100 Kinder
haben keinen
Kita-Platz

Es ist die verzweifelte Schilderung einer Mutter, die das Problem am besten veranschaulicht: Als sich Freitagabend in der Ortsbeiratssitzung bereits mehr als 30 Minuten alles um den Mangel an Kita-Plätzen dreht, meldet sich Anja Martschei zu Wort. Ihr Sohn wird derzeit noch in einer Krippe betreut. Da er aber genau am Stichtag des Krippenjahres geboren ist, will die Stadt keine Verlängerung mittragen und die junge Familie hat ab 1. August weder eine Kita-Platz noch einen Vertrag. Trotz monatelanger Bemühungen. „Das heißt, wir haben dann ein unbetreutes Kind. Ich bin berufstätig und musste meinem Arbeitgeber wieder absagen“, berichtet sie.

Am Riedberg fehlen 114 Kita-Plätze für über Dreijährige, in Kalbach sind es 80. Also exakt in jenem Alter, wo es schon seit Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz gibt. Das bestätigten Jetta Lüdecke, Sprecherin von Bildungsdezernentin Sylvia Weber, und Cornelia Suess vom Stadtschulamt. Die beiden sprechen von einem „exorbitanten Wachstum an Kinderzahlen“, das aus den bisherigen Statistiken nicht ersichtlich gewesen sei, zumal man die Kindertagesstätten am Riedberg ohnehin schon mit 105-prozentiger Auslastung geplant habe. Auch jetzt fehle es laut Sprecherin Lüdecke „weder an Geld, noch an politischem Willen, sondern an Flächen“.

In zwei Kitas fehlen Erzieher

Wie konnte es dazu kommen? Ursprünglich waren zwölf Kitas mit der Hessenagentur für den Riedberg vertraglich vereinbart worden. Über eine 13. Kita wurde nachgedacht, als die Zahl an Wohneinheiten im Laufe der Bebauung deutlich erhöht wurde.

Auf der Fläche für diese mögliche 13. Kita steht jetzt das Provisorium der neuen Gesamtschule, die im August eröffnet. Denn 2016 schien es, dass die Kinderzahlen im Neubaugebiet rückläufig sind. „Wir aber müssen uns an den Zahlen orientieren, die wir immer im März aus dem Einwohnermeldeamt bekommen“, erläutert Cornelia Suess. Deshalb wurde die Option der 13. Kita nicht gezogen. Deshalb wurden auch die Container, die die Kita Königsblick bis September gegenüber vom Sportplatz nutzte, abgebaut.

Hinzu kommt, dass ein Mangel an qualifiziertem Personal gibt, da landauf, landab Erzieher gebraucht werden – und Frankfurt als Wohnort (zu) teuer ist. Laut Nachfrage des Bildungsdezernats fehlen sowohl in der Kita Kairos in Uni-Nähe Erzieher als auch in der neuen dreisprachigen Kita Erasmus, wo deshalb 20 Kita-Plätze nicht besetzt werden können.

Ist eine Lösung in Sicht?

Als die Ortsbeiräte darauf hinwiesen, dass die Eltern weniger die Ursachen, als Lösungen interessieren dürfte, betonte Jetta Lüdecke, dass man „mit Hochdruck“ an diesen Lösungen arbeite. Im Herbst 2017 wird mit dem Bau der Kita Westflügel begonnen. Diese wird 63 der dringend benötigten Plätze für über Dreijährige haben, wird allerdings erst 2019 in Betrieb gehen. Und vorher? Im sogenannten „Kita-Sofortprogramm“ kann die Stadt Büroräume für die Betreuung anmieten. Doch diese zu finden sei nicht einfach, da auch ein Außengelände benötigt werde. Im Klartext: Derzeit sind solche Räume noch nicht vorhanden.

Die Ortsbeiräte wiesen auf folgende Möglichkeiten hin: Südlich der Konrad-Zuse-Straße, wo einst die Container des Gymnasiums standen, wird die Fläche der so genannten „Berghöfe“ erst 2020 bebaut. Ingo Warnebold (CDU) brachte die Fläche als Interims-Standort ins Gespräch. Die Stadt will das jetzt prüfen. Die Grünen betonten verwundert, dass sie bereits 2015 auf den sich anbahnenden Mangel an Betreuungsplätzen hingewiesen hätten und Susanne Kassold (SPD) schlug vor, die tagsüber leerstehende Sportanlage besser und dafür zu nutzen.

Dr. Thorsten Lieb von der FDP wies noch auf eine weitere Konsequenz hin: „Diese Kinder, die jetzt nicht unterkommen, kommen ja auch irgendwann in die Schule.“ Platznot herrscht in den Schulen im Stadtteil aber schon jetzt.

Nur wenige Mütter waren da

Die Ortsbeiratssitzung verfolgten nur knapp zehn Mütter aus Riedberg und Kalbach. „Ich hab’s extra noch einmal über die Riedberg Mamas gepostet. Es ist schon frustrierend, wie wenige hierher gekommen sind“, sagte später eine Mutter, die sich schon in der Vergangenheit für mehr Kita-Plätze eingesetzt hatte.

Anja Martschei, der anderen betroffenen Mama, legte eine der Expertinnen ans Herz, zur persönlichen Beratung in die Infobörse des Stadtschulamtes zu gehen. Auf MAINRiedberg-Nachfrage haben wir nun erfahren, dass ihr Sohn kurzfristig und noch vor diesem Gespräch einen Platz bekommen hat. Weil ein anderes Kind wegzieht. Aber auch, weil sie auf eine verständnisvolle Kita-Leitung getroffen war und sogar die Krippe ihres Sohnes die Suche unterstützte. Anja Martschei will jetzt weiter am Ball bleiben und hofft, „dass sich jetzt auch mehr Eltern gemeinsam mit uns einsetzen werden“. Denn es bleiben 113 Kinder ohne Kita-Platz. cd


Diese junge Mutter schilderte im Ortsbeirat, was es bedeutet, wenn über 100 Kita-Plätze im Stadtteil fehlen

(Fotos: MITO Images/ cd)