Herzlichen
Glückwunsch zum
102. Geburtstag

„Herzlichen Glückwunsch“ steht auf der großen Torte. Und die Zahl 102, mit einem Herz aus Smarties. Der Mann, dem diese Glückwünsche gelten, sitzt im Rollstuhl, beobachtet alles haargenau und ist kürzlich erst wieder mit dem Physiotherapeuten einige Schritte gelaufen. „Es ist unglaublich, wie selbstbestimmt und fit unser Herr Voss noch ist“, hatten Betreuer des Casa Reha Seniorenheims in der Altenhöferallee schon vorab berichtet. Am Montag, dem Tag, als er 102 Jahre alt wurde, kamen auch Kinder von der nahen Kita der Riedberggemeinde. Mit einem Plakat und selbstgebastelten Papierblumen. „Vor lauter Freude habe ich geheult“, sagt Gerhard Voss beim Gespräch mit MAINRiedberg.

Man muss etwas lauter sprechen oder manche Sätze wiederholen, aber Scherze, die machen nicht die Besucher, sondern der Jubilar selbst. Etwa, wenn er davon spricht, dass „wir die ganze Nacht hindurch getanzt und gefeiert haben“. Oder wenn er sich auch einen Tag später noch freut, dass die Leiterin der sozialen Betreuung einen so schönen, blauen Rock anhatte. An seinem Jubeltag. Einen Moment getanzt hat er übrigens wirklich, mit einer Dame, deren Mann er vor dessen Tod versprochen hat, dass er sich um sie kümmern werde. „Damit ihr nichts fehlt und damit es ihr gut geht“, wie er hinzufügt.

Es sind immer wieder Episoden, die er erzählt. Wie Teile eines großen Puzzles, die allmählich mehr als ein Jahrhundert Leben zeigen. Dazwischen holt er tief Luft. Er ringt nach Fassung, wenn er sich an Zeiten und Erlebnisse erinnert, die eigentlich niemand heraufbeschwören wollte.

Plötzlich fragt er: „Was ist der Unterschied zwischen einem Berliner und dem lieben Gott?“ Na, der liebe Gott weiß alles, und der Berliner „weiß alles besser“. Voss stammt aus Berlin-Steglitz, Steglitzer Straße 22. Er spielte begeistert Handball, als Rechtsaußen, nicht „wie die jungen Leute heute in der Halle, sondern auf dem Feld“. Fuhr begeistert Motorrad, bis er in den Krieg eingezogen wurde. Er berichtet, wie früher noch Waschfrauen mit der Wäsche fremder Leute ihr Geld verdient hatten „und die Taschentücher gehasst haben, weil die immer so dreckig waren“. Er erzählt vom ersten Telefon, das er gesehen hatte, und vom ersten Fernseher.

Eine Betreuerin berichtet, dass er später bei der Bahn gearbeitet hat und wohl immer viel unterwegs war. Auch mit seiner Frau, mit der er mehr als ein halbes Jahrhundert verheiratet war. In Frankfurt hatte es ihr so gut gefallen. Dann wurde sie plötzlich krank, „deshalb sind wie hier geblieben“. Sie hat ihm am Krankenbett noch ein Mal ganz fest die Hand gedrückt. Dann ist sie für immer gegangen. Seine beiden Töchter, die sich sehr um ihn kümmern, gehen mit ihm oft an ihr Grab. Immer am Mittwoch und am Sonntag, wie er sagt.

Es folgt eine lange Pause. Man wollte Gerhard Voss nicht zu nahe treten, möchte das Gespräch lieber wieder auf andere Themen lenken. Dann tut er das selbst und sagt, das Geheimnis seines langen Lebens ist, „dass ich zum Frühstück immer eine Tasse Milch, eine Tasse Kaffee und eine Tasse Saft trinke“. Vor allem der Kaffee sei wichtig. Gerhard Voss lächelt noch mal und verrät, dass er noch ein Ziel hat. Er ist schon jetzt der älteste Bürger in diesem jüngsten Stadtteil Frankfurts. Aber er würde gerne noch älter werden. Älter als der legendäre Joopie Heesters. Am liebsten 112.


Diese Torte hat Köchin des Casa-Reha-Pflegeheims in der Altenhöferallee Gerhard Voss zum 102. Geburtstag gebacken. Die Betreuer berichten, dass auch die anderen Heimbewohner den Jubeltag mit einer schönen Feier und vielen Gästen genossen haben

(Fotos: cd/ Leidig)